Musiklexikon: Was bedeutet Laute?

Laute, Luth (1865)

Laute, Luth (abgeleitet vom arabischen al oud, die Schale), Liuto, Leuto; Testudo, Chelys (Schildkröte). Ein Saiteninstrument, dessen Saiten (Darmsaiten) mit den Fingern gerissen werden; von sehr alter, angeblich persischer oder maurischer Abkunft (Über die Erfindung vergleiche Barons Beitrag zur Historie der Laute in Marpurgs Beiträgen II. 65), wenn auch die erste Grundform bereits in der altgriechischen Lyra vorliegt. Nach übereinstimmenden Angaben wurde die Laute zuerst von den Arabern in südlichen Europa (Spanien) eingeführt, und noch heute finden sich bei diesem Volke eine Anzahl lautenartiger Instrumente wie die Oud selbst, Tambura mit 2 bis 8, Baglama mit 3, Sewuri mit 5 Metallsaiten. Von Spanien kam sie nach Deutschland herüber und war hier wie auch in Italien, Frankreich, England und den Niederlanden ehedem ungemein beliebt und wurde beinahe vor allen anderen Instrumenten von Künstlern und Musikliebhabern gepflegt; mit Verlauf des vorigen Jahrhunderts [18. Jh.] aber ist sie nach und nach außer Gebrauch gekommen und gegenwärtig [Mitte des 19. Jh.] der Vergessenheit gänzlich anheimgefallen.

Das Korpus ist der Schale einer Schildkröte nicht unähnlich geformt, aus dünnen Spänen von hartem Holze streifenweise zusammengefügt, nach dem oberen Ende, wo der Hals ansetzt, oval zulaufend. Die Decke bildet ein flacher oder nur ganz wenig gewölbter Sangboden, Dach genannt. Der Hals und das darauf befestigte Griffbrett sind ziemlich lang und breit, die Tongriffe auf letzterem durch Bünde (das Griffbrett quer durchschneidende eingesetzte Stückchen Darmsaite, Elfenbein- oder Metallstreifen) bezeichnet. Am oberen Ende des Halses ist eine einfache Holzplatte angesetzt und nach rückwärts gebogen (der Kragen) oder auch ein ausgeschnitzter Wirbelkasten befestigt, worin die Saitenwirbel laufen. Zwischen Hals und Kragen befindet sich der Sattel, auf dem die Saiten aufliegen. Die den Stimmwirbeln entgegengesetzten Saitenenden sind in einem flachen Stege (Saitenfessel), der wie bei der Guitarre auf dem Sangboden selbst aufgeleimt ist, mit Knoten eingehängt und durch Stifte (Patronen) festgekeilt; mitunter aber scheint man, wie aus der Abbildung einer theorbenartigen Laute bei Prätorius zu schließen, den Saitenhalter auch am Korpus selbst, dicht unter der hinteren Kante des Sangbodens, angebracht zu haben, wie bei der Zither, in welchem Falle dann noch ein niedriger Steg auf dem Sangboden vorhanden war. Ungefähr in der Mitte zwischen Saitenfessel und Ansatzpunkt des Halses ist die Decke mit einem runden, etwa 3 Zoll im Durchmesser haltenden, oft schön umrandeten und mit Figuren ausgesetzten Schallloche durchbrochen.

Bei der soeben erwähnten, erst später in Gebrauch gekommenen theorbenartigen Laute (Testudo theorbata) hatte außerdem der Hals noch eine Verlängerung mit einem zweiten Kragen (Theorbenkragen), "welcher neulig dazu erfunden", sagt Prätorius um 1619, und woran die Wirbel für eine Anzahl neben dem Griffbrette laufender Saiten sich befanden. Der über dem Griffbrett liegende Saitenbezug war, mit Ausnahme der beiden obersten Melodie-(Sang-)Saiten in späterer Zeit, stets doppelchörig.

Anfangs war die Zahl der Saiten nur gering, vermehrte sich nach und nach aber stark; ursprünglich hatte man nur vier Saitenchöre, in c f a d gestimmt, dann wurde oben ein fünfter, das g', hinzugefügt (c f a d' g') und außerdem unter dem c noch ein sechster, das Γ ut, also: G c f a d' g'. Bei den alten deutschen Lautenisten hießen diese sechs Saiten: Großbrummer, Mittelbrummer, Kleinbrummer, Großsangsait[e], Kleinsangsait und Quintsait; später, ebenfalls von unten herauf, aber ohne die G-Saite: Prime, Sekund, Terz, Quart und Quint; in Italien, Frankreich, England und den Niederlanden wurde aber umgekehrt die Prime il quinto (la Basse contre), die Sekund, Terz etc il quarto, terzo, secondo, die Quint il canto (Soprano, Chanterelle) genannt. Noch im Laufe des 16. Jahhunderts findet sich eine siebente Saite, Groß F, bei den Lautenvirtuosen Hans Gerle zu Nürnberg 1554, Seb. Ochsenkun 1558 und Melch. Neusiedlier 1590. Nach und nach stieg die Zahl der Saiten über dem Griffbrette auf 8, 9 bis 12 und 13 Chor; bei 13 Saiten waren die obersten beiden ein-, die übrigen 11 zweichörig. Die Stimmung jener alten fünf Saiten aber blieb immer dieselbe und Grundlage, die übrigen hinzugekommenen stimmte jeder Lautenist nach Befinden und Maßgabe des auszuführenden Gesanges. Zu Prätorius' Zeit bediente man sich meistenteils jener damals noch nicht lange aufgekommenen theorbenartigen Laute mit verlängertem Halse und einem zweiten Kragen, auf dem Griffbrette mit 7 bis 8 doppelten und neben demselben mit 6 einfachen Saiten bezogen (diese Anzahl steigerte sich noch bis zu 14 Saiten über und 10 neben dem Griffbrette, also bis zu 24 Saiten im Ganzen), welche letzteren zum Grundbasse der Harmonie dienten, "den Bass trefflich sehr zieren und prangend machen. Und ist unter dieser Lauten und der Theorba kein sonderlicher Unterschied, als dass die Laute auf dem Griff und den Bünden doppelte Saiten; die Theorba aber durch und durch nur einfache Saiten haben" (Prätorius II. 50).

Die neben dem Griffbrette liegenden Saiten hingen mit den über demselben befindlichen an einer gemeinsamen Saitenfessel und liefen mit ihnen parallel; da sie aber nicht durch Aufsetzen der Finger verkürzt werden konnten, mussten sie umgestimmt werden, wenn man aus anderen Tonarten spielen wollte, was denn freilich unbequem genug war. Überhaupt können Festigkeit und Reinheit der Stimmung schwerlich zu den Vorzügen der Laute gehört haben, wie aus dem im Verhältnis zur Kleinheit und Schwäche des ganzen Instrumentes übergroßen Saitenzahl leicht erklärlich; daher mag Matthesons Äußerung, dass ein 80 Jahre alter Lautenist gewiss an die 60 Jahre mit Stimmen verbracht habe, nicht ganz der Begründung entbehren.

Dieser Schriftsteller ist überhaupt nicht gut auf die Laute zu sprechen; er sagt (Orch. I. 274), dass sie in der Welt mehr Partisans hätte als sie meritire, ihre Professores frügen nicht ein Härchen nach der musikalischen Wissenschaft. Der insinuante Klang dieses betrügerischen Instrumentes verspreche allezeit mehr als er halte, käme man aber ein wenig hinter die barmherzigen Künste, so fiele alle Gutheit auf einmal weg. Überdies fehle es bald an den Saiten, bald an den Bünden oder Wirbeln, "so dass ich mir habe sagen lassen, es koste zu Paris einerlei Geld, ein Pferd und eine Laute zu unterhalten".

Prätorius nennt sieben Arten von Lauten, nämlich die Gross-Octavbasslaute (Archiliuto), Basslaute, Tenor-, Recht-Chorist- oder Altlaute (die gewöhnlichste), Discant-, Klein-Discant- und Klein-Octavlaute. Verwendet wurde das Instrument wesentlich zur Begleitung sowohl des Solo- als Chorgesanges (die Gross-Octavbasslaute auch ähnlich der Theorbe zum Generalbass) und war überall heimisch, in der Kirche und Kammer, in der Oper und Hausmusik, bei Morgen- und Abendmusiken, ein- und mehrfach besetzt und auch mit anderen Saiteninstrumenten, als Clavicymbeln, Theorben, Bandoren, Orpheoreon, Zithern, Lyren etc., zu selbstständigen oder begleitenden Chören (Lautenchören) verbunden. Zu ihrer Verwandtschaft gehörten neben der mehrfach genannten Theorbe noch die Quinterne, eine kleine mit vier oder fünf Chören bezogene Lautenart, aber mit flachem unserer Guitarre ähnlichem Korpus; die Pandurina (Mandoer, Mandürchen), eine kleine Laute mit 4 (g d' g' d''), zuweilen auch mit 5 Chor-Saiten bezogen; die Pandora (Bandoer) mit einfachen, auch doppelt, drei- und vierfach gedrehten Messing- und Stahlsaiten, sechs- bis siebenchörig, in England erfunden; das Penorcon, der Pandora ähnlich, aber bei größerer Breite des Halses etwas kürzer, mit 9 Chor-Saiten bespannt; das Orpheoreon endlich, an Größe zwischen Penorcon und Bandoer die Mitte haltend, nach Art mit ihnen übereinkommend. Die drei letztgenannten Instrumente hatten, gleich der Quinterne, ein flaches guitarrenartiges Korpus. Alle diese Abarten lernte man sehr leicht spielen, wenn man auf der eigentlichen Laute, "als dem Fundament und initium", etwas Tüchtiges vor sich gebracht hatte.

Über die von unserer gewöhnlichen Notierungsart abweichende Tonschrift, deren man für die Laute sich bediente, Lautentabulatur genannt, vergleiche den Artikel Tabulatur. [Dommer Musikalisches Lexicon 1865, 505f]

Laute, Liuto (1807)

Laute, ital. Liuto. Dieses anjetzt beinahe ganz außer Gebrauch gekommene Instrument macht mit der Guitarre, Mandoline und mit noch einigen weniger gebräuchlichen Instrumenten eine besondere Gattung der Saiteninstrumente aus, die sich dadurch von anderen Gattungen unterscheidet, dass bei dem Traktement derselben die Verschiedenheit der Töne durch die Verkürzung der Saiten auf einem Griffbrette vermittelst der Finger der linken Hand, die Intonation derselben aber durch das Reißen der Saiten mit den Fingern der rechten Hand hervorgebracht wird.

Das Korpus der Laute, welches einen flachen Sangboden hat, gleicht der Schale einer Schildkröte. Oben, wo der Hals eingesetzt ist, läuft es verjüngt zu. Man bezieht dieses Instrument gemeiniglich mit 24 Darmsaiten, die in 13 Chöre abgeteilt werden, so dass elf Saiten zweichörig, die beiden höchsten aber nur einchörig sind. Vierzehn von diesen Saiten liegen über dem Griffbrette; die übrigen 10 tieferen, auf welchen hauptsächlich die Grundstimme gespielt wird, sind merklich länger als jene und laufen neben dem Griffbrette hin. Weil diese tieferen Saiten nicht mit den Fingern verkürzt werden können, so muss das Instrument nach jeder Tonart umgestimmt werden.

Die Tonschrift für die Laute ist von der für andere Instrumente ganz verschieden. Sie besteht aus einem Überbleibsel der alten deutschen Tabulatur und wird auf einem Liniensysteme von sechs Linien vorgestellt. [Koch Handwörterbuch Musik 1807, 210f]

Laute, liuto, luth (1882)

Laute (ital. liuto, franz. luth), auch Testudo (lat.), wegen der Form ihres Resonanzkörpers, welche die der Schildkrötenschalen nachahmt. Das Instrument war bis ins 18. Jahrhundert hinein, in welchem es allmählich durch das Clavichord verdrängt wurde, das beliebteste bei der Hausmusik. [Reissmann Handlexikon 1882, 240]

Laute (1882)

Laute

Laute, Abb. aus [Grove 1880].

Laute (arab. al Oud, span. Laud, ital. Liuto, franz. Luth, engl. Lute, lat. im 16.-17. Jh. Testudo), ein sehr altes Saiteninstrument, dessen Saiten gezupft wurden, wie die der noch heute üblichen Abarten der Laute, der Guitarre, Mandoline etc. Abbildungen der Laute finden sich bereits auf sehr alten ägyptischen Grabdenkmälern. Sie war später das Favorit-Instrument der Araber, durch welche sie nach Spanien und Unteritalien gelangte, von wo aus sie sich etwa im 14. Jahrhundert über ganz Europa verbreitete. Im 15.-17. Jahrhundert spielte sie eine große Rolle; Lauten-Arrangements von Gesangskompositionen waren für die Hausmusik etwa dasselbe wie heute die Bearbeitungen von Orchesterwerken oder Gesängen für Klavier zu zwei oder vier Händen. Daneben war aber die Laute zugleich verbreitetes Orchesterinstrument und wurde erst im 17.-18. Jahrhundert durch das Aufkommen der Violine und die Vervollkommnung der Klaviere allmählich verdrängt (vgl. Orchester).

Was die Laute von der Guitarre unterschied, war einmal die ganz abweichende Form des Schallkastens: Die Laute hatte keine Zargen, sondern war unterwärts gewölbt (etwa wie ein halber Kürbis, wie die heutige Mandoline [um 1880]). Ferner hatte die Laute eine weit größere Anzahl von Saiten, von denen 5 Paar und eine einzelne (die höchste, für die Melodie) über das Griffbrett liefen, die übrigen aber (die Basssaiten, zuletzt 5, welche nur als leere Saiten benutzt wurden) neben dem Griffbrett lagen. Diese Baßchorden kamen zu Ende des 16. Jahrhunderts auf.

Die Stimmung der Laute variierte nach Zeit und Art sehr. Die verbreitetsten Stimmungsarten im 16. Jahrhundert waren: G c f a d' g' oder A d g h e' a', im 17.-18. Jahrhundert: A d f a d' f' und für die Baßchorden (G) F E D C.

Eine kleinere Art der Laute war im 16. Jahrhundert die Quinterne (Chiterna, d. h. Guitarre), welche im Bau der Laute gleich war, aber nur vier Saitenchöre hatte. Im 17. Jahrhundert wurde die Quinterne bereits, wie die heutige Guitarre, flach gebaut.

Das Bestreben, den Tonumfang der Laute zu erweitern, führte zuerst zur Einführung der Baßchorden, die von dem im stumpfen Winkel nach oben gebogenen Hals mit dem Wirbelkasten aus direkt nach dem auf dem Resonanzboden befestigten Saitenhalter liefen. Um aber noch längere Saiten zu gewinnen, rückte man den Wirbelkasten für die Baßchorden etwas über den für die Griffsaiten hinaus, so dass etwa in der Mitte des einen der andere anfing (Theorbe), oder man bog erst jenseits des ersten Wirbelkastens den Hals nach oben zurück und brachte in seiner Verlängerung den zweiten für die Basssaiten an (Archiliuto, Erzlaute), oder man trennte endlich beide Wirbelkasten noch durch einen mehrere Fuß langen Hals (Chitarrone).

Man notierte für die Laute und ihre Abarten nicht mit der gewöhnlichen (Mensural-)Notenschrift, sondern mit besonderer Buchstaben- oder Ziffernschrift, welche nicht die Tonhöhe, sondern den Griff bezeichnete (Lautentabulatur). Doch war die Lautentabulatur in Frankreich, Italien und Deutschland durchaus verschieden: Die Italiener, denen wir ja auch die Generalbassbezifferung verdanken, bedienten sich der Zahlen, die Franzosen und Deutschen der Buchstaben. Dabei rechneten Italiener und Franzosen zunächst immer halbtonweise auf derselben Saite weiter, die Deutschen dagegen ebenso quer über alle Saiten weg, d. h. die Italiener und Franzosen, welche auf Linien notierten, die die Saiten vorstellten (die Italiener nahmen für die höchste Saite die tiefste von 6 Linien, die Franzosen die höchste von 5), bezeichneten mit 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 X X' X'' (ital.), resp. a b c d e f g h i j k l (franz.) eine jede leere Saite (0, a) und die nächstfolgenden zwölf resp. zehn
in Halbtonabständen auf derselben zu greifenden Töne, z. B. bei der Stimmung G c f a d' g':

Lautentabulatur, Beispiel 1

Dagegen nummerierten die Deutschen die leeren Saiten mit I 1 2 3 4 5 (= A d g h e' a') und sodann in derselben Weise querüberlaufend über die fünf höchsten Saiten mit a b c d e f g h i k l m n o p q r s t v x y z 9 a' b' c' d' etc., also:

Lautentabulatur, Beispiel 2

so dass die obige chromatische Tonfolge ausgedrückt wurde durch:

Lautentabulatur, Beispiel 3

(Die übereinander stehenden Buchstaben und Zahlen bedeuten denselben Ton; vgl. übrigens die Beispiele unter "Tabulatur".)

Lauten-Griffbrett, 1511

Lauten-Griffbrett mit Tabulatur-Buchstaben, Abb. aus [Virdung 1511].

Für die tiefsten Saiten bedient man sich verschiedener Notierungsarten. Gerle (1545) notiert ähnlich wie die Italiener mit 1' 2' 3' 4' 5' 6' 7' 8' 9' [Striche über den Zahlen] (aber nicht 0 sondern 1' für die leere Saite) für die neun Töne in Halbtonabständen, Judenkünig (1523) wie die Franzosen mit A B C D E F G H I, Virdung (1511) dagegen mit Zeichen, die denen der ersten Saite (d. h. also eigentlich der zweiten) entsprechen: Ï A F L Q X AA FF etc.

Die Lautentabulaturen sind für das Studium der Musik des 16.-17. Jahrhunderts so wichtig, weil bei ihnen alle jene Sonderbarkeiten der Mensuralnotierung, die Selbstverständlichkeit mancher ♭ und ♯, wegfallen und der Griff jederzeit genau notiert ist; sicherer und zuverlässiger als die oft unbestimmten und mehrdeutigen Angaben der Theoretiker vermögen daher sie über die Anwendung der Semitonien (mit ♯, ♭) in zweifelhaften Fällen Aufschluss zu geben. Über die rhythmischen Wertzeichen der Lautentabulaturen vgl. Tabulatur. Eine wertvolle Monographie über die Laute verdanken wir Baron ("Untersuchung des Instruments der Lauten", 1727). Vgl. auch Prätorius' "Syntagma" (1619) und von neueren Arbeiten die Kiesewetters (Allgemeine Musikalische Zeitung 1831)[1] sowie Wasielewskis "Geschichte der Instrumentalmusik im 16. Jahrhundert" (1878)°. [Riemann Musik-Lexikon 1882, 508f]


[1] R. G. Kiesewetter: Die Tabulaturen der älteren Praktiker seit der Einführung des Figural- und Mensuralgesanges und des Contrapunctes, aus dem Gesichtspuncte der Kunstgeschichte betrachtet:

  1. Vorrede und Einleitung [AMZ 1831, 33]
  2. Erster Artikel: Die deutsche Tabulatur [AMZ 1831, 65]
  3. Zweyter Artikel: Die Lauten-Tabulatur [AMZ 1831, 133]
  4. Dritter Artikel: Orgel-Tabulaturen (angebliche) in Italien im XV. Jahrhunderte [AMZ 1831, 181]
  5. Vierter Artikel: Die italienische Tabulatur oder die bezifferten Bässe [AMZ 1831, 249 u. 272]
  6. Fünfter Artikel: Die Nosen-Tabulatur oder Partitur der alten Contrapunctisten [AMZ 1831, 365]

Laute, Testudo (1840)

Laute (lat. testudo, frz. luth, ital. liuto). Ein bereits im hohen Altertum bekanntes, früher allgemein beliebtes, jetzt aber beinahe ganz in Vergessenheit geratenes Saiteninstrument. Es soll von einem Philosophen in Persien namens Manes oder Manichäus (von welchem die Sekte der Manichäer ihren Namen erhielt) um das Jahr Chr. 270 erfunden und die deutsche Benennung von dem arabischen Worte al'aoud (unter welchem Namen es auch durch die Mauren nach Spanien kam), welches so viel als testudo, Schale, bedeutet, abgeleitet worden sein.

Der Körper der ältesten Instrumente war der Schale einer Schildkröte, folglich der uralten Lyra des Merkurs ähnlich. Bei den neueren Lauten ward derselbe aus dünnen Spänen von Ahorn, oder einer anderen harten Holzgattung, einen Bauch bildend und nach dem damit in Verbindung gesetzten Halse oval zulaufend, streifenweis zusammengesetzt und mit einem flachen Resonanzboden bedeckt, welcher nahe am Griffbrett mit einem runden, künstlich verzierten Schallloche versehen ist. Der am Körper befindliche Hals und das darauf liegende Griffbrett sind lang, ziemlich breit, und die Tongriffe mit Bunden bezeichnet. Unten an dem Resonanzboden ist der Saitenfessel eingeleimt, in dessen Löchern die 24 Darmsaiten, vermittelst eines Knotens, angehängt und in 13 Chöre (nämlich 11 zweichörig, die beiden höchsten aber nur einfach) abgeteilt sind. Vierzehn dieser Saiten laufen über das Griffbrett und den Sattel, wie bei der Violine, in den Wirbelkasten, wo sie gestimmt werden, die übrigen zehn tiefen laufen neben dem Griffbrett vorbei in einen anderen Wirbelkasten, der mit dem ersten verbunden ist. Diese werden aber nicht durch Aufsetzen der Finger verkürzt, sondern bleiben in ihrer Stimmung und bilden die Grundstimme zu der oben gegriffenen Melodie, welches indessen die jedesmalige Umstimmung des Instrumentes bei dem Vortrag von Musikstücken aus verschiedenen Tonstücken erfordert - eine Unvollkommenheit, welche viel zu dem Vergessenwerden desselben beigetragen hat.

Lautentabulatur, Deutschland ca. 1540

Deutsche Lautentabulatur bzw. Lauten-Griffbrett mit Buchstabenzuordnung (nach Hanns Neusiedler, ca. 1540).

Die Stimmung ist gewöhnlich D-Moll, aber die Saiten klingen: Contra A, B, gr. C, D, E, F, G, A, kl. d, f, a, d', f, a'. Diese Stimmung wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts allgemein angenommen; vorher bestand sie bloß aus gr. F, G, kl. c, f, a, d', g', also nur aus sieben Saiten oder Chöre.

Die Tonstücke werden nicht mit Noten, sondern mit Buchstaben auf sechs Linien bezeichnet. Über der sechsten Linie stehen, zur Bezeichnung der Dauer, welcher die in Buchstaben gegebenen Töne unterliegen sollen, Notenzeichen. […] Bei dieser besonderen Schreibart, Lautentabulatur genannt, sind die Lautenspieler hartnäckig verbliegen und haben unsere kürzere und bequemere Notenschrift nicht angenommen. In Italien verfiel man 1509 auf den Gedanken, statt der bis dahin üblichen Buchstaben Ziffern zu gebrauchen, welche die Bunde anzeigten, auf welche gegriffen werden sollte.

Lautentabulatur, Italien 1509

Italienische Ziffern-Lautentabulatur (Ottaviano Petrucci, 1509).

In Deutschland waren es früher besonders die Minnesänger, welche dies Instrument gebrauchten. Berühmte Lautenspieler späterer Zeit waren: Hans Gerle (um 1523-29 in Nürnberg), Seb. Ochsenkuhn († 1574), Otto Heinrich (1558), Melchior Neusiedler in Nürnberg († 1563) u. a. Eine Lautenschule erschien bei Petrucci, Venedig 1509, eine andere 1727 zu Nürnberg. [Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 271]

Laute (1855)

Laute, 16. Jahrhundert

Laute, 16. Jahrhundert. Fig. 11 aus [Welcker von Gontershausen Magazin 1855].

Die Laute. In früheren Zeiten war die Laute ein äußerst beliebtes Instrument, und noch jetzt existiert ihr Geschlecht in vielfach veränderter Form, die aber in musikalischer Beziehung nur in geringem Wert stehen. Ihrer ursprünglichen Form nach hat sie das Ansehen einer Schildkrötenschale, woraus sogar die ersten Körper genommen worden sind, indem man nur eine flache Decke (Sangboden [Resonanzdecke]) darauf befestigte. Man glaubt, dass sie aus Persien stamme und von Manes oder Manichäus, einem Philosophen, der die Secte [sic] der Manichäer stiftete, gegen 270 Jahre nach Christo erfunden worden sei. Fig. 11 zeigt eine Laute aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.

An dem Körper, der, wie schon gesagt, die Form einer Schildkrötenschale hatte und entweder aus dieser selbst oder von hartem Holz gebaut war, befindet sich oben eine flache Resonanzdecke. Mit dieser in ebener Richtung läuft an dem oberen oder schmalen Teil des Körpers, auf dem ein Griffbrett mit Tonbunden liegt, das ziemlich bis an das Schallloch in der Decke hinreicht und über letzteres etwas erhaben ist. Die Tonbunde laufen quer über das Griffbrett und bestehen aus dünnen Stäbchen von Darmsaiten oder Bein [Elfenbein]. Unten auf der Decke ist der Sattel (Steg oder Saitenfessel) aufgeleimt, in dem die Löcher für Befestigung der Saiten eingebohrt sind. Das Schallloch ist ziemlich in der Mitte der Decke, hat gegen drei Zoll Durchmesser und war öfters künstlich [künstlerisch] umrandet oder mit schönen Figuren durchbrochen. Die Saiten werden mittelst eines Knotens mit einer Patrone befestigt und sind in dreizehn Chöre abgeteilt. Elf dieser Chöre sind je zwei und zwei Saiten in Einklang gestimmt, die beiden höchsten aber sind einchörig. Vierzehn von diesen Saiten ziehen über das Griffbrett hin, in einen Wirbelkasten, und können auf den Tonbunden verkürzt werden. Die anderen zehn gehen neben dem Griffbrett vorbei, in einen besonderen Wirbelkasten, wo sie gestimmt werden. Diese zehn bilden den Grundton, die anderen vierzehn aber die Melodie. Die Saiten stimmte man in folgende Töne: contra A, B, groß C, D, F, G, A, klein d, f, a, d', f', a'.

Von diesem Tonumfang sind die Lauten jedoch erst um 1660 bekannt geworden. Die Lauten der uns bekannten ältesten Lautenvirtuosen Hans Gerle in Nürnberg (gegen 1554) sowohl als diejenigen von Sebastian Ochsenkuhn (Hoflautenist von Otto Heinrich, Kurfürst von der Pfalz, um 1558) und von Melchior Newsiedler in Nürnberg (starb 1590) hatten, nach der Lautenschule von Petrucci zu urteilen, welche 1509 in Venedig erschien, nur sieben Saiten, die in F, G, klein c, f, a, d', g gestimmt wurden. Um 1678 galt Joh. Abell in Cassel als großer Lauten-Virtuose.

Basslaute und Mandoline/Mandora

Basslaute und Mandoline/Mandora. Fig. 12 und 13 aus [Welcker von Gontershausen Magazin 1855].

Bei der Laute gebrauchte man in der Schreibart für dieselbe statt der Noten Buchstaben, die man auf sechs Linien schrieb, und bezeichnete die Dauer der Töne durch Noten über der sechsten Linie. Diese Schreibart wure Lautentabulatur genannt. In Italien führte man gegen 1510 Ziffern statt der Buchstaben ein, welche die Bunde ausdrückten, die gegriffen werden sollten. Jedoch man diese Schreibart wenig in Gebrauch, weil die Lautenschläger die älteste Schreibart stets vorzogen und selbst die einfachere Notation ablehnten. Man bediente sich der Laute zur Ausführung des Grundbasses, als Begleitung beim Gesang, in der Oper und bei Kirchenmusik. Ouvertüren oder Stücke mit Melodie konnten nur schwer darauf ausgeführt werden, wiewohl sich geschickte Lautenschläger doch daran wagten. Nach Deutschland soll die Laute aus Spanien gekommen sein, und in dieses Land kam sie zuerst durch die Mauren unter dem Namen "alaud".

Man verfertigte sie in verschiedener Größe und Form, wobei die Veränderungen nicht mangelten, aus denen nach und nach folgende Gattungen entstanden:

  • die Basslaute […]
  • die Mandoline oder Mandora […]
  • das Mandurchen […]
  • die Guitarre […]

[Welcker von Gontershausen Magazin 1855, 68ff]

Die Informationen in unserem Online-Lexikon stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
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