Musiklexikon: Was bedeutet Flageolett?

Flageolett (1929)

Flageolett (französisch),
1) ein kleines Blasinstrument, der letzte Vertreter der Schnabelflöten (siehe Flöte), in Belgien, Frankreich und England noch jetzt [um 1930] in untergeordneten Orchestern gebraucht, von der Tonlage der Pickelflöte, d. h. eine Oktave höher als die gewöhnliche (Quer-)Flöte stehend.

2) Eine kleine Orgelstimme (zu 2 und 1 Fuß), ein Flötenregister von ziemlich enger Mensur.

3) Bezeichnung für die durch Teilschwingungen der Saiten hervorgebrachten hohen Töne der Streichinstrumente (Flageolett-Töne), welche einen eigentümlich pfeifenden, aber weichen, ätherischen Klang haben, der von dem Kratzgeräusch der sonstigen Töne dieser Instrumente frei ist.

Das Flageolett wird für besonders hohe Noten oft auch bequemlichkeitshalber angewandt, was aber wegen des Unterschiedes der Klangfarbe nicht unbedenklich ist. Flageolett wird erzeugt, indem leise mit der Fingerspitze der Punkt der Saite berührt wird, welcher genau der Hälfte, dem Drittel oder Viertel usw. der Saite entspricht; diese schwingt dann nicht in ihrer ganzen Länge, sondern in 2, 3, 4 usw. Abteilungen, deren jede selbständig den betreffenden Oberton hervorbringt. Andere als die natürlichen Obertöne der Saiten erscheinen als Flageolett, wenn zunächst durch festen Griff (vgl. Sattel) die Saite so weit verkürzt wird, dass der gewünschte Ton in der Obertonreihe des nunmehrigen Tons der Saite liegt, z. B. cis''' auf der g-Saite, indem a gegriffen und dann die Stelle von cis' (1/5) leicht berührt wird. Ausführlicheres darüber gibt jede Instrumentationslehre. Das Flageolett spricht auf dicken Saiten (Kontrabass, Cello) leichter an als auf dünnen, aber auf übersponnenen schlechter als auf einfachen.

In der Notierung verlangt man das Flageolett der leeren Saiten einfach durch o über der Note, welche klingen soll (a), das mittels Hilfsgriffs auszuführende Flageolett dagegen durch Notierung des Griffs der zu berührenden Stelle und des erklingenden Tones (wie bei b):

Flageolett (Einstein 1929)

Flageolett, Notation für Streichinstrumente

Letztere Notierungsweise kann natürlich auch für das Flageolett leerer Saiten angewendet werden (c, d). Vgl. Mondonville (1735) und Dom. Ferrari.

4) Das seltener angewandte Flageolett der Harfe beschränkt sich auf die Hervorbringung der Oktave durch Berührung der Mitte der Saite; es war unter dem Namen σύριγγες [surigges, altgriechisch] bereits den Kitharaspielern des Altertums geläufig. Vgl. Henryk Heller, Lehre der Flageolett-Töne (Berlin 1927). [Einstein/Riemann Musiklexikon 1929, 514f]

Flageolet, Flaschinet (1840)

Flageolet [heutige Schreibweise: Flageolett], Flaschinet.

  1. Der Name einer kleinen Flöte aus Elfenbein, Buchsbau- oder Ebenholz, welche in Holland sehr gebräuchlich ist und wie eine Art Flöte à bec [Blockflöte] intoniert wird. Ihr Umfang ist vom zweigestrichenen d bis zum viergestrichenen d. Sie wird auch benutzt, die Vögel pfeifen zu lehren. Bambridge erfand ein Doppel-Flageolet.
  2. Eine besondere Art der Behandlung der Geigeninstrumente, bei welcher der Ton eines Flageoletts durch eine besondere Art des Fingersatzes und durch einen schneidenden Bogenstrich nachgeahmt wird. Der Finger nämlich, welcher den zu intonierenden Ton greift, drückt die Saite nicht wie gewöhnlich auf das Griffbrett nieder, sondern berührt sie nur ganz sanft, während der Bogen mit einem sehr gleichen, aber schneidenden Striche über die Saiten geführt wird. Die Stellen, bei denen dies geschehen soll, pflegt man mit Flautino oder Sons harmoniques oder Suoni armonichi, öfters auch mit einer Null (0) zu bezeichnen und über die ganze Stelle eine Linie (wie über die Noten, die um eine Oktave höher gespielt werden sollen) zu ziehen. Soll wieder mit dem gewöhnlichen Tone fortgefahren werden, setzt man luogo oder loco darüber.Durch das obige Verfahren entstehen ganz ungewöhnliche Schwingungen der Saiten, die viel höhere und ganz verschiedene Töne hervorbringen, als ihr sonst eigen sind. So gibt zum Beispiel die Violine auf dem Punkte, wo auf der a-Saite das zweigestrichene d gegriffen wird, das dreigestrichene a, auf dem Punkte hingegen, wo auf der a-Saite das zweigestrichene e liegt, das dreigestrichene e an. Doch ist erforderlich, dass bei dieser Spielart jeder Ton auf das Äußerste rein gegriffen werde, denn sobald der Finger nicht genau den Punkt trifft, wo der Ton vollkommen rein ist, spricht der Flageolett-Ton nicht an. Daher ist auch keine andere Übung im Stande, an einen so äußerst reinen Griff der Töne zu gewöhnen, als diese. Selbst der dabei erforderliche Bogenstrich gewährt für die Hervorbringung eines guten Tons und besonders für den Vortrag des Adagio höchst bedeutende Vorteile.
  3. Ein offenes zweifüßiges Orgelregister von 1-2 Fußton.

[Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 129]

Flageolet (1882)

Flageolet [heutige Schreibweise: Flageolett] (französisch; italienisch: flagioletta) bezeichnet zunächst eine eigentümliche Art der Tonerzeugung bei Streichinstrumenten, durch welche, nach Klang und Höhe von den bei der gewöhnlichen Behandlung erzeugten, verschiedene [andersartige] Töne gewonnen werden. Sie werden dadurch hervorgebracht, dass die Saite auf bestimmten Punkten nur leicht berührt, nicht niedergedrückt wird, und das der Bogen leicht über die Saite hinstreicht (siehe Obertöne).

Ferner heißt Flageolett ein flötenartiges Instrument mit 6 oder 7 Tonlöchern; auch eine kleine Drehorgel, vermittelst welcher man die Singvögel abrichtet, und endlich auch ein Orgelregister. Jene kleine Drehorgel und das Orgelregister werden häufiger noch mit Flaschenet oder Flaschinet bezeichnet. [Reissmann Handlexikon 1882, 141]