Musiklexikon: Was bedeutet Geige?

Geige (1840)

Geige. Mit diesem Geschlechtsnamen bezeichnet man alle diejenigen Saiteninstrumente, deren Saiten durch Streichen mit einem Bogen zum Erklingen gebracht und durch das Aufsetzen der Finger verkürzt werden, um die Verschiedenheit der Höhe und Tiefe der Töne hervorzubringen; und besonders noch die Violine (siehe dort).

Sie haben, ungeachtet die meisten Geschichtsschreiber die Erfindung derselben in das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts setzen, ein hohes Alter und waren z. B. in Frankreich schon unter Karl dem Großen bekannt. Die jetzt noch gebräuchlichen Gattungen der Geige, von denen man das Eigentümliche jeder derselben in ihren besonderen Artikeln findet, sind folgende:

  1. Die große Baßgeige, auch Contraviolon oder Contrabaß (ital. Violone, Contrabasso, franz. Basse de viole, Contre-basse) genannt;
  2. die kleine Baßgeige, das Violoncell (ital. Violoncello, franz. Violoncelle, Basse oder Petite basse);
  3. Die Altgeige, Bratsche, Viole (ital. Violetta, Viola alta, Viola di braccia, franz. Viole, Alto, Quinte), und
  4. die Discantgeige oder Violine (ital. Violino, franz. Violon).

    Früher hatte man noch

  5. Die Kniegeige, Gambe, ital. Viola di Gamba;
  6. die Bastardgeige, ital. Viola bastarda, eine ältere Art der Gambe;
  7. die Viola pomposa;
  8. die Liebesgeige, ital. Viola d'amore, franz. Viole d'amour;
  9. die Schultergeige, ital. Viola di spalla, und endlich
  10. das Bariton, ital. Viola di bordone;

    welche aber sämtlich nicht mehr gebräuchlich sind.

Alle diese Geigeninstrumente sind nur in Ansehung ihrer Größe, Stimmung und Behandlungsweise voneinander unterschieden und in ihrem Baue und ihren einzelnen Bestandteilen ganz miteinander übereinstimmend. Sie bestehen nämlich aus einer Oberdecke (Resonanzboden, auch Dach genannt) und einer Unterdecke oder Boden, von gleicher Größe und Form. Die Oberdecke oder der Resonanzboden ist aus völlig ausgetrocknetem Fichtenholz verfertigt, bald mehr bald weniger gewölbt, und der wichtigste Teil bei allen Geigeninstrumenten, weil von der Beschaffenheit und Stärke seines Holzes nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Stärke und völlige Gleichheit des Tons fast einzig und allein abhängt. Die Unterdecke oder der Boden besteht aus Ahorn- oder irgendeinem andern harten Holze und ist mit der Oberdecke vermittelst einer Zarge, einem dünnen, nach der länglich runden und in der Mitte auf beiden Seiten ausgeschweiften Form der beiden Decken gebogenen Span von Ahornholz, verbunden. Diese ausgeschweifte Form dient dazu, dass der Bogen beim Anstreichen der höchsten und tiefsten Saite nicht an die Oberdecke streife.

Nahe an diesen beiden Ausschweifungen sind in die Oberecke zwei Löcher, die sogenannten F-Löcher, eingeschnitten, um die äußere Luft mit der, welche sich im Innern des Instrumentes befindet, in Verbindung zu bringen und die sogenannte Stimme aufrichten zu können. Diese Stimme, welche man auch den Stimmstock oder die Seele nennt, ist ein dünnes, rundes Stäbchen von Holz, so lang als das Instrument hoch ist, welches ein wenig hinter dem rechten Füßchen des Steges innerhalb des Körpers aufgerichtet wird und sich an die Ober- und Unterdecke stemmt, damit erstere einen Gegendruck gegen die obersten beiden Saiten erhalte, weil diese, vermöge ihrer höheren Spannung, schärfer auf die Decke drücken. Damit aber auch die beiden unteren Saiten einen Gegendruck erhalten, ist inwendig an der Oberdecke, in der Gegend des F-Loches, wo das linke Füßchen des Steges steht, ein schmales Stückchen Holz angeleimt, welches der Balken oder Träger heißt und längs derselben hinläuft. Einige Instrumentenmacher leimen diesen Balken nicht an, sondern lassen gleich bei dem Aushobeln und Ausstechen der Oberdecke stehen, so dass es mit derselben aus einem Stücke gearbeitet ist. Balken und Stimme haben auf die Güte und Reinheit des Tons einen großen Einfluss, weshalb sie mit großer Vorsicht gearbeitet werden müssen.

An dem oberen Teile des Instruments ist der Hals eingesetzt, auf welchem das in der Mitte etwas gewölbte Griffbrett liegt, welches bis in die Mitte der beiden F-Löcher hinabreicht. Oben am Griffbrett liegt der Sattel, ein querüberliegendes Stückchen Elfenbein mit vier runden Einschnitten, in welchen die Saiten ruhen, damit sie nicht unmittelbar auf dem Griffbrette aufliegen. Den Kopf des Instruments, welcher bei dem Sattel anfängt, bildet der Wirbelkasten, auch Lauf oder Wandel genannt. Er besteht aus einem hohlen Kästchen, in welchem die Stimmwirbel laufen, und ist oben gewöhnlich mit einer Schnecke oder auch mit einem Löwenkopfe verziert.

Die Saiten sind an dem unteren Teile des Instruments vermittelst eines Knotens in die Löcher eines gewölbten Brettchens eingehängt, welches vermittelst einer Schleife von Darmsaiten, an einem, am unteren Teil des Deckels befindlichen, hölzernen oder elfenbeinernen Knöpfchen befestigt ist, und die Saitenfessel oder der Saitenhalter heißt, und laufen von demselben über den in der Mitte des Körpers befindlichen, mit zwei Füßen versehenen Steg und das Griffbrett hin, bis zu den Stimmwirbeln. Der Kapellmeister Spohr erfand eine Art Saitenhalter, welcher unten wie ein kleiner Teller geformt ist und sich beim Spielen besser an die Backen anlegt - und gewöhnlich auch nur Spohr'scher Saitenhalter genannt wird.

Innerhalb des Körpers sind die Ecken der Schweifungen mit aufrecht stehenden Klötzchen ausgefüttert, und rings herum an der Zarge sind oben und unten schwache Leistchen angeleimt, damit die Decken fester und sicherer an dieselbe befestigt werden können. Diese Leistchen nennt man Fütterung, und dürfen an einem gut gearbeiteten Instrumente ebenso wenig wie die auf der Oberdecke ringsum am Rande hinlaufende ausgelegt Linie von schwarzem Holze, von den Geigenmachern Flödel genannt, fehlen. Findet man auch zuweilen Instrumente ohne Fütterung, oder nur mit schwarzer Farbe gezogenem Flödel, von ziemlich gutem Ton, so kann man doch mit Sicherheit nicht auf die Fortdauer oder gar Verbesserung derselben hoffen; und gewöhnlich zeugt dieser Mangel von der Arbeit eines Pfuschers.

Der Bogen, mit welchem die vier Saiten der Geigeninstrumente zur Ansprache gebracht werden, so wie die Art, ihn zu führen, ist bereits [unter Bogen] beschrieben worden.

Es ist den mehrsten, eben erst aus den Händen der Instrumentenmacher hervorgegangenen Instrumenten eigen, dass ihr Ton noch roh, unbiegsam und schwer zur Ansprache zu bringen ist, und man ihnen erst durch das sogenannte Ausspielen einen besseren Klang und einen schöneren, volleren und kräftigeren Ton zu geben suchen muss; aber mehr als alle anderen besitzen die Geigeninstrumente diese Eigenschaft, so dass, besonders weil die feineren und harzigten [sic] Teile des Fichtenholzes, die der Güte und leichten Ansprache dieser Instrumente äußerst nachteilig sind, sich so langsam verflüchtigen, mehr als ein Menschenalter erforderlich ist, sie völlig auszuspielen. Daher kommt es auch, dass die alten Geigeninstrumente so viele Vorzüge vor den neueren behaupten und oftmals mit großen Summen bezahlt werden. [Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 159f]

Die Informationen in unserem Online-Lexikon stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
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