Musiklexikon: Was bedeutet Andante?

Der musikalische Fachbegriff "Andante", kompetent erläutert von Musikwissenschaftlern in Musiklexika des 18. bis 20. Jahrhunderts, gesammelt im Online-Musiklexikon von musikwissenschaften.de:

Andante (1865)

Andante, Vortragsbezeichnung, gehend, zeigt eine gemäßigte Tempobewegung an, welche zwischen dem Geschwinden und Langsamen die Mitte hält und, hiermit übereinstimmend, einen Ausdruck im Vortrag, dessen wesentlicher Grundzug Gelassenheit und Ruhe ist. Denn die Gemütsbewegung im Andante pflegt nicht leidenschaftlich stark erregt, weder in Gefühle der Unlust tief versenkt, noch durch Gefühle der Lust lebhaft angefeuert zu sein, sondern einen ruhigeren und bequemeren Verlauf zu nehmen. Dem entsprechend ist auch der ganze Vortrag gemäßigt. Scharfe Akzentuation und starker Anschlag des Tones, wie ein großes Pathos sie fordert, kommen nicht vor, es sei denn, dass der Tonsetzer, veranlasst von einer besonderen Modifikation der vorhandenen Empfindung, ausdrücklich einen höheren Grad der Stärke vorschreibt. Für manche Tonstücke, deren Charakter an sich bestimmt ist, hat das Wort Andante zwar mehr nur die Bedeutung einer Tempobezeichnung; immerhin aber wird auch hier doch das Tempo durch den Inhalt bestimmt, also folglich auch die Vortragsart.

Außerdem gebraucht man den Ausdruck Andante sehr gewöhnlich als Hauptwort zur Benennung für Tonstücke von dem eben beschriebenen Charakter. Man sagt: das Andante in C, D-Dur, oder das Andante der Sonate etc. [Dommer Musikalisches Lexicon 1865, 49]

Andante (1879)

Andante, andantemente (vom Ital. andare, gehen, schreiten), fortgehend, schrittmäßig, gemächlich; es ist ein Hauptgrad in dem musikalischen Tempo. Als Überschrift eines Tonstücks bezieht sich Andante ebensowohl auf die Bewegung und das Zeitmaß als auf den Vortrag desselben überhaupt. Das Tempo des Andante hält die Mitte zwischen dem geschwinden Allegro und dem eigentlichen langsamen Adagio. Der Vortrag ist im Andante stets gemäßigt, ohne alle plötzliche überraschende Übergänge. Alles, selbst die Akzentuation der Töne bewegt sich in den Grenzen des Einfachen und Gewöhnlichen.

Auch heißt Andante ein besonderes Musikstück oder ein kürzerer aber als Ganzes in sich abgeschlossener Kompositionssatz eines größeren Stückes, dem der angegebene Charakter aufgeprägt ist.

Andante cantabile, ein melodiereiches Andante. [Riewe Handwörterbuch 1879, 17]

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Andante (1870)

Andante (ital.), eine Vortragsbezeichnung, welche, dem zu Grunde liegenden Zeitwort gemäß, eine gehende, gemächliche Bewegung bedeutet. Es ist demgemäß:

  1. andante ein Zeitmaß und als solches der dritte Hauptgrad der musikalischen Bewegung, welches zwischen dem Adagio und Allegro die Mitte hält und erfordert im Vortrage den Ausdruck der Gelassenheit und Ruhe. Noch nähere Bezeichnungen geben diesem allgemeineren Charakter eine bestimmtere Richtung, zum Beispiel Andante mosso, Andante maestoso, Andante sostenuto usw. (siehe Tempo).
  2. die Benennung eines Tonstücks eben beschriebener Art. Als solches ist es entweder selbstständig (ein Andante in C, f, B-Dur), oder es steht in Verbindung mit koordinierten Sätzen größerer Werke, wie Sinfonien, Quartette, Sonaten usw. (siehe Adagio). Es tritt dann in der Regel als zweiter, seltener als dritter Satz des Werkes auf.

Der Vortrag erfordert eine gemäßigte, in keiner Beziehung leidenschaftlich erregte Gefühlsbewegung. Scharfe Akzentuation und starker Anschlag, wie der pathetische Vortrag sie verlangen, sind zu vermeiden, gleicherweise aber auch die Monotonie des Ausdrucks. Diese Erfordernisse sind es, welche den guten Vortrag des Andante, ebenso wie den des Adagio, so schwer machen. Modifikationen der eben gegebenen Vorschriften, wie sie die wechselnde Empfindung des Tonsetzers verlangt, werden am besten vom Komponisten selbst vorgeschrieben.

Für viele Tonstücke, deren Charakter an und für sich bestimmt ist, hat das Wort Andante zwar nur die Bedeutung einer Tempobezeichnung. Immerhin wird aber auch hier das Zeitmaß durch den Inhalt bestimmt, demgemäß also auch die Vortragsart. Alles, was von der Schwierigkeit der Komposition und von der verhältnismäßigen Seltenheit eines guten Adagio namentlich heutzutage gilt [um 1870], findet auch auf das Andante Ausdehnung, welches in neuster Zeit nur zu häufig der Sammelpunkt weichlicher, leerer Phrasen von mehr sentimentaler als elegischer Färbung geworden ist, an dem man eine ruhigen, ununterbrochenen Fluss der Idee schmerzlich vermisst. [Mendel Musikalisches Lexikon 1870, 214]

Andante (1802)

Andante, gehend oder schrittmäßig. Mit diesem Ausdrucke wird diejenige Bewegung des Zeitmaßes angezeigt, die zwischen dem Geschwinden und Langsamen die Mitte hält. Wenn diese Überschrift nicht bei besondern charakteristischen Stücken gebraucht wird, welche die Vortragsart bestimmen, wie z. B. bei Aufzügen, Märchen u. dergl., so behaupten mehrenteils die Tonstücke, die mit diesem Ausdruck überschrieben sind, den Charakter der Gelassenheit, der Ruhe und Zufriedenheit. Hier werden also die Töne so schleppend und ineinander schmelzend vorgetragen, wie in dem Adagio, noch so scharf akzentuiert und abgestoßen, wie im Allegro. Alles ist hier gemäßigt, selbst die Stärke des Tones verlangt so lange Mäßigung, bis der Tonsetzer, veranlasst von einer besonderen Modifikation der vorhandenen Empfindung, ausdrücklich einen höheren Grad der Stärke vorschreibt.

Das Wort Andante wird auch sehr gewöhnlich als Hauptwort gebraucht und mit demselben ein Tonstück von der angezeigten Bewegung benennet. [Koch Musikalisches Lexikon 1802, 142f]

Andante (1882)

Andante (ital.), eine der ältesten Tempobestimmungen, bedeutet im Italienischen "gehend" (d. h. in mäßiger Bewegung, ziemlich langsam), und man muss sich wohl hüten, es im Sinn von "langsam" aufzufassen, weil man sonst etwaige Zusatzbestimmungen falsch verstehen würde; più andante heißt nämlich "schneller" und nicht etwa "langsamer", un poco andante ist "nur wenig bewegt", d. h. ziemlich langsam; die Diminutivform andantino bedeutet eine langsamere Bewegung als andante.

Unter einem Andante versteht man heute, ähnlich wie unter Adagio, einen langsamen Satz einer Symphonie, Sonate etc. [Riemann Musik-Lexikon 1882, 28]

Andante (1732)

Andante, vom italienischen Verbo andare; aller (gall. [französisch]) cheminer à pas égaux, mit gleichen Schritten wandeln. Wird sowohl bei anderen Stimmen als auch solchen Generalbässen, die in einer ziemlichen Bewegung sind oder den anderen Stimmen das Thema vormachen, angetroffen; da denn alle Noten fein gleich und überein (ebenträchtig) exekutiert, auch eine von der anderen wohl unterschieden, und etwas geschwinder als adagio traktiert werden müssen. [Walther Musicalisches Lexicon 1732, 35]