Harfe (1911)

ägyptische Harfe, um 1250 v. Chr.

ägyptische Harfe, um vielleicht 1250 v. Chr. Abb. aus [Engel 1874]


Die Harfe. Über die Vorgänger der heutigen Harfe finden sich bereits um das Jahr 2000 v. Chr. in der altägyptischen und jüdischen Literatur einwandfreie Angaben. Das damals wesentlich kleinere und mit nur wenigen Saiten versehene Instrument wurde "Tebuni" oder "Kinnor" genannt. Später benutzten es die klassischen Sänger des griechischen Altertums unter den Namen Lyra, Kithara, Pektis, Alagadis, Barbitos, Simmikon, Pharminx oder Trigonon als Begleitinstrument zu den Helden- und sonstigen Gesängen.Auch den Syrern dürfte die Harfe, nach alten Quellen zu urteilen, bekannt gewesen sein.

irische Harfe, ca. 800 n. Chr.

irische Harfe, nach einer Skulptur in der Kirche zu Ullard, Grafschaft Kilkenny in Irland, ca. 800 n. Chr.

Im frühen Mittelalter - dem 6. Jahrhundert n. Chr. - hat das Instrument bereits bei den im westlichen Europa ansässigen germanischen und keltischen Volksstämmen Eingang gefunden.Zweifelsohne diente die Harfe anfänglich nur zur Begleitung der frommen Psaltergesänge. Nach und nach erst wurde sie zu einem allgemein bräuchlichen [sic] Begleitinstrumente, zu dem das Volk seine Lieder sang.

Als feststehende Tatsache kann es gelten, dass die Grundgestalt des Instrumentes sich nicht verändert hat. Der Grieche nannte es, wie bereits erwähnt, trigonon. Dieses Wort ist von trigonos = dreiwinklig abgeleitet. Auch die heutige Harfe, ital. arpa, franz. harpe, engl. harp, zeigt diese uralte Form.

Harfe, um 1910

Harfe, um 1910

Die Hauptbestandteile sind der Resonanzkörper, der S-förmig gebogene Hals und die auch Träger oder Säule genannte Vorder- oder Barrenstange, sowie selbstverständlich die teilweise mit Silber- oder Kupferdraht übersponnenen Darmsaiten.Der Resonanzkörper der alten Harfen ist ein vierkantiger Kasten, der an den heutigen halbrund gewölbt und mit einer flachen Decke versehen ist. Er ist etwa 125 cm lang und erweitert sich von oben nach unten. An seinem oberen Ende bildet er einen spitzen Winkel. Zur Herstellung des Resonanzkörpers wird hauptsächlich Ahornholz verwendet. Auf der Mitte der flachen Decke ist eine schmale Leiste aus hartem Holze angebracht, in der sich die Löcher zum Befestigen der Saiten befinden. Das obere Saitenende wird an dem am Halse befindlichen Wirbel festgemacht.

Die Vorderstange hat vor allem dem starken Drucke der […] zwischen Hals und Resonanzkörper angespannten Saiten genügend Widerstand zu bieten.

An den ältesten Vorbildern der Harfe fehlt die Vorderstange, da der Druck der wenigen Saiten nur gering war.

Das Erklingen der Saiten wurde und wird noch heute durch Reißen bzw. Zupfen mit den Fingern hervorgerufen. Die Harfe ist also ein Reißinstrument.

Seit dem 17. Jahrhundert wurden die Saiten nach der Es-Dur-Tonleiter es, f, g, as, b, c, d gestimmt. Es fehlten also die halben Zwischentöne e, ges, a, h und des. Um diese zu erzielen, musste die Saite so verkürzt werden, dass der um einen halben höhere Ton - z. B. es zu e - zum Erklingen kam. Anfänglich geschah die Verkürzung dadurch, dass der Spieler die betreffende Saite an den Hals des Instrumentes presste. Später erfolgte die Tonerhöhung in der Weise, dass die an dem Halse angebrachten Häkchen, an denen die Saiten befestigt waren, fester angezogen wurden, wodurch sich diese ebenfalls verkürzten. Ein bedeutender Nachteil dieser Harfenart war es, dass der Spieler sehr oft nur eine Hand zum Zupfen der Saiten frei hatte.

Doppelpedalharfe, um 1910

Doppelpedalharfe, um 1910

Erst die von Hochbrucker im Jahre 1720 in Donauwörth erfundene Pedalharfe half diesem Übelstand ab. An dem unteren Teil der Harfe waren sieben Pedale (Fußtritte) angebracht. Von diesen aus laufen durch die hohle Vorderstange die Züge (Metalldrähte) nach dem Halse hinauf, die durch eine Gelenkübertragung die früher mit der Hand bewegten Häkchen anziehen. Die dadurch hervorgerufene Saitenverkürzung erhöht den Ton der Saite um einen halben.Dem berühmten Klavierbauer Sebastian Erard, geb. d. 5. April 1752 zu Straßburg, gest. d. 5. August 1831 auf seinem Landsitze bei Passy, sollte es vorbehalten sein, im Jahre 1811 die Doppelpedalharfe zu konstruieren, die mit einem Male allen Unzulänglichkeiten des Instrumentes ein Ende bereitete. Mit Hilfe der Doppelpedale ist es möglich, die Saiten um zwei Halbtöne bzw. einen Ganzton umzustimmen, so dass durch die sieben Pedale alle vorkommenden Tonarten ohne Unterbrechung gespielt werden können.

Die Doppelpedalharfe hat einen chromatischen Tonumfang von:

Harfe, Tonumfang

Gestimmt wird diese in Ces-Dur (diatonische Ces-Dur-Tonleiter).

Die Harfe wird wie das Pianoforte auf zwei Liniensystemen geschrieben [notiert], die natürliche Lage der Saiten ist:

Harfe, alle Noten

Am Fuße der Harfe ist für jede Stufe der diatonischen Tonleiter ein Pedal angebracht, im ganzen sieben Pedale, die in drei verschiedene Lagen bzw. Stufen eingestellt werden können. Tritt man das Pedal von Ces auf die zweite Stufe herunter, so werden sämtliche Ces-Saiten des ganzen Tonumfanges der Harfe auf C gestimmt, tritt man dieses Pedal noch eine Stufe tiefer (dritte Stufe), so werden alle C-Saiten auf Cis gestimmt. Bei der Handhabung der übrigen Pedale geschieht die Regulierung in derselben Weise.

Nachstehende Tabelle veranschaulicht die Pedal-Regulierung:

Harfe, Pedal-Stimmungen

Empfehlenswert ist es, B-(♭)-Tonarten anzuwenden, da die Kreuz-(♯)-Tonarten nicht immer voll und rein klingen. Flageolettöne klingen stets eine Oktave höher, als sie notiert sind, sie werden mit o über der Note bezeichnet, z. B.:

Harfe, Flageolettöne

Im heutigen großen Orchester [um 1910] ist die Harfe unentbehrlich. Die Komponisten benutzen sie ihres reizvollen Klanges wegen, um zarte, lyrische Stimmungen zu versinnbildlichen oder einen bedeutungsvollen Punkt der Tondichtung besonders glanzvoll zu gestalten. Richard Wagner wendet die Harfe in "Tristan und Isolde" II. Akt, 2. Szene wie folgt an:

Harfe, Noten Wagner

Harfe - Notenbeispiel "Tristan und Isolde"

In der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" wird das bekannte Lautensolo im Orchester von der Harfe gespielt, es heißt:

Harfe, Noten Wagner

Harfe, Notenbeispiel "Die Meistersinger von Nürnberg"

Um den eigenartigen Klang der Laute nachzuahmen, wird eine einfache Harfe ausnahmslos mit Stahldrahtsaiten bezogen, die den täuschenden Klangcharakter hervorbringen.

In der "Walküre" hat R. Wagner für zwei Harfen folgende Stellen geschrieben:

Harfe, Noten Wagner

Harfe, Notenbeispiel "Walküre"

Es werden hier ausßerordentlich hohe Ansprüche an die Pedaltechnik des Harfenisten gestellt. Außer diesen Stellen schrieb aber Wagner noch sehr wirkungsvolle Partien für zwei bis sechs Harfen. Erinnert sei hier an den I. Aufzug, 3. Szene und II. Aufzug, 4. Szene der "Walküre", "Siegfried" III. Aufzug, 2. Szene, und an den Anfang des III. Aufzugs der "Götterdämmerung". Der Harfenpart der "Götterdämmerung" erfordert eine ungemein ausgebildete Fingertechnik. Die schönste Klangwirkung erzielt das Instrument am Schlusse des "Rheingold", wo sechs Harfen vorgeschrieben sind, die die sechs verschiedenen Partien durcheinander spielen. Auch François Adrien Boildieu (1775-1834), Giacomo Meyerbeer (1791-1864) und Gioachino Rossini (1792-1868) haben ebenso wie die jüngeren Franzosen Jules Massenet (1832 geb.), Leo Delibes (1836-1891) und Saint-Saëns (geb. 1835) sehr wirkungsvoll für die Harfe geschrieben. Besonders hervorzuheben ist noch Charles François Gounod (1818 bis 1893). Selten findet man so praktisch geschriebene und klangvolle Harfenpartien wie in "Margarethe" (Faust), "Romeo und Julia" und "Le Tribut de Zamora". Von deutschen Meistern haben u. a. Felix Mendelssohn, Robert Schumann, Max Bruch, Franz Liszt, Heinrich Hoffmann, Friedrich Gernsheim u. v. a. vorteilhaft und klangvoll für die Harfe geschrieben, ohne dass ihre Werke besonders schwierig sind.

Auch die Literatur für Solosachen mit Begleitung anderer Instrumente ist nicht klein. So schrieben u. a. Wolfgang Amadeus Mozart, "Konzert C-Dur" für Flöte, Harfe und Pianoforte; F. Poenitz, "Capriccio" Op. 73 für Klarinette in B und Harfe; Edm. Schuecker, "Am Springbrunnen", Charakterstück Ges-Dur Op. 15, "Fantasia di bravura" C-Moll Op. 11, "Mazurka Es-Moll" Op. 12 […].

In der modernen, so harmoniereichen Musik sind der Doppelpedalharfe oft Stellen vorgeschrieben, die wegen ihrer Schwierigkeiten kaum noch auf diesem Instrumente spielbar sind. Eine bedeutende Erleichterung für den Spieler bietet in solchen Fällen die Anwendung der "chromatischen Harfe". Bei diesem Instrument sind die Saiten in der chromatischen Tonfolge gestimmt. Dadurch sind die Pedale überflüssig geworden. Vorläufig werden die von der Firma Pleyel & Wolff, Paris, hergestellten chromatischen Harfen hier und da in Frankreich und Belgien gespielt. Es lässt sich heute [um 1910] noch nicht voraussehen, ob diese Instrumente bestimmt sind, in Zukunft die Doppelpedalharfen zu verdrängen. Der volle und große Ton und manche eigenartige Klangwirkungen der Pedalharfe sind der chromatischen Harfe versagt.

Literatur

Backofen, H., Harfenschule. Mit Bemerkungen über den Bau der Harfe und deren neuere Verbesserungen.
Heyse, A. G., Anweisung die Harfe zu spielen.
Snoer, Joh., Die Harfe als Orchesterinstrument. Winke und Ratschläge für Komponisten.
Zabel, Albert, Große Methode für Harfe, 3 Teile.

[Melanie Bauer-Ziech in: Teuchert/Haupt Musik-Instrumente 1910, 68ff]