Harfe (1802)

Harfe, ital. Arpa, franz. Harpe. Ein aus dem grauesten Altertum auf uns gekommenes Instrument [siehe Thebanische Harfe], dessen Saiten mit den Fingern gerissen [gezupft] werden. Es gibt zweierlei Arten derselben, die sowohl in Ansehung des Traktements als auch in Ansehung der Form und des Tones sehr voneinander verschieden sind, nämlich die außer Gebrauch gekommene und mit Drahtsaiten bezogene Spitzharfe (Arpanetta), die auch die Irländische Harfe genannt wird, und die noch jetzt gebräuchliche mit Darmsaiten bezogene Davidsharfe.

Das Korpus der Davidsharfe hat eine viereckige konische Form. Es besteht nämlich aus einer Resonanzdecke und aus einem Boden, die beide vermittelst zweier Seitenwände oder Zargen verbunden sind, die von oben nach unten breiter zulaufen, so dass, wie die Länge der Saiten zunimmt, auch der Sangboden breiter und das Korpus weiter wird. In der Mitte des Sangbodens, woselbst die Länge hinauf eine schmale Leiste aufgeleimt ist, befinden sich der Reihe nach die Löcher, in welche die unteren Enden der Saiten, an die man einen Knoten knüpft, gesteckt und die Löcher mit kleinen hölzernen Zäpfchen, die oben einen Kopf oder eine Harke haben, ausgefüllt und solchemnach die Saiten festgehalten werden. An dem oberen oder schmalen Ende des Korpus läuft in einem Winkel ein langes Querholz oder ausgeschweifter Arm heraus, in welchem sich die Wirbel befinden, an welche das obere Ende der Saiten befestigt wird, und vermittelst welcher sie gestimmt werden. Damit aber dieser Arm durch den Zug der Saiten nicht abbreche, ist er mit einer hölzernen Stütze, die bis an den Fuß des Korpus reicht und mit der längsten Saite parallel läuft, versehen. Diese Stütze nebst dem Arme geben dem Instrument die Form eines Triangels.

Bei dem Traktement des Instruments, welches sitzend verrichtet werden muss, damit der Spieler es zwischen den Beinen oder mit beiden Knien halten kann, befindet sich das Instrument zwischen beiden Armen, und die rechte Hand spielt die Oberstimme, die linke aber den Bass. Es hat einen Umfang der Töne von dem großen C bis zum dreigestrichenen c oder d, aber bloß nach der diatonischen Tonordnung. Daher muss nicht nur das Instrument nach der Tonart, aus welcher auf demselben gespielt werden soll, eingestimmt werden, sondern es müssen noch überdies die in dem Verfolg des Tonstückes vorkommenden, durch ♯, ♭ und ♮ modifizierten Töne - teils durch das Andrücken der Saite an das Querholz vermittelst des Daumens, teils durch das Herumdrehen kleiner Haken, die sich an die Saite anlegen und den sonoren Teil derselben verkürzen - hervorgebracht werden.

Pedalharfe, um 1900

Pedalharfe um 1900. "Die neue Pedalharfe von Lyon und Healy in Chicago".

Diese Unvollkommenheit hat einem Deutschen zu Donauwerth mit Namen Hochbrucker gegen das Jahr 1720 zu der Erfindung der sogenannten Pedalharfe Gelegenheit gegeben. Diese Erfindung bestehet darinne, dass an dem unteren Teil der Harfe ein sogenanntes Pedal angebracht ist, welches aus sechs oder sieben kleinen Tritten besteht, die an beiden Seiten des Korpus befindlich sind und von welcher sowohl jeder einzeln als auch mehrere zusammen ganz bequem mit den Füßen niedergedrückt und in dieser Lage gehalten werden können. Durch jede dieser Tritte werden Federn bewegt, die in dem Arm des Instrumentes (der in diesem Fall breiter ist als bei der gewöhnlichen Harfe) verborgen sind, und wodurch jeder Ton durch alle Oktaven um einen halben Ton erhöht werden kann. Man kann daher nicht allein aus jeder Tonart spielen, ohne das Instrument erst umzustimmen, sondern auch aus der Tonart, in welche das Stück gesetzt ist, in alle übrige Tonarten ausweichen.

Im Jahre 1782 wurde von einem Harfenisten zu Paris mit Namen Cousineau ein anderes Pedal für das Forte und Piano an diesem Instrument angebracht, welches den Beifall der Akademie der Wissenschaften erhielt. Auch ein Harfenist, mit Namen Krumpholz, der sich viele Jahre zu Paris aufhielt, suchte diesem Instrumente die möglichste Vollkommenheit zu geben und bereicherte es mit einem doppelten Pedale. "Durch das eine", sagt Gerber in seinem Tonkünstler-Lexikon, "öffnet er stufenweis gewisse Klappen, wodurch er den Ton nach und nach bis zum Fortissimo anwachsen lassen, ihn verlängern und wellenförmige Bewegungen vorbringen kann. Das andere Pedal dienet dazu, um die stärkeren Saiten mit einem Streife Büffelleder und die zärteren mit einem seidenen Bande nach und nach zu bedecken, mithin die Vibration der Töne zu hemmen und sie durch unmerkliche Abstufungen von Forte bis zum Smorzando zu bringen. In seinem XIVten Sonatenwerke gibt er umständlichen Bericht davon."

Die Spitzharfe, die man auch die Flügelharfe oder Zwitscherharfe nennt, hat die Form einer von der Spitze bis zur Basis entzwei geschnittenen Pyramide. Sie ist mit zwei Reihen Drahtsaiten bezogen, die durch einen doppelten Resonanzboden voneinander abgesondert sind. Auf der rechten Seite befinden sich die Saiten zur Oberstimme, wozu man sich gemeiniglich der Stahlsaiten bedient; auf der linken Seite hingegen, welche die Töne zu der Grundstimme enthält, bedient man sich der Messingsaiten. Bei dem Traktemente wird wird dieses Instrument auf einen Tisch oder auf ein anderes Gestell gesetzt. Der Ton desselben gleicht dem Tone der Zither und seine Unvollkommenheiten sind ohne Zweifel die Ursache, warum es gänzlich außer Gebrauch gekommen ist.

Schriftlichen Unterricht über das Traktement der gewöhnlichen Davidsharfe findet man in Joh. C. G. Wernichs Versuch einer richtigen Lehrart die Harfe zu spielen, Berlin, 1772. [Koch Musikalisches Lexikon 1802, 719ff]