Musiklexikon: Was bedeutet Wasserorgel?

Hydraulos, Wasserpfeife, Wasserorgel (1882)

Hydraulos, ('Wasserpfeife'; Organum hydraulicum, Wasserorgel), ein von Ktesibios zu Alexandria (180 v. Chr.) konstruiertes orgelartiges Instrument, welches Wasser zur Regulierung der Windstärke benutzte, beschrieben von Hero von Alexandria ("Spiritalia seu Pneumatica", mit deutscher Übersetzung in Vollbedings Übertragung der Geschichte der Orgel von Bedos de Celles, 1793). [Riemann 1882, 409]

Wasserorgel, Hydraulos (1802)

Wasserorgel (griech. Hydraulos) war ein unter den Griechen bekanntes Instrument, welches einige Ähnlichkeit mit unserer Orgel hatte. Es enthielt ein Register, Pfeifen und eine Windlade und wurde vermittelst einer Claviatur gespielt, die aber schwer niederzudrücken war und der Claviatur eines Glockenspiels glich. Das Wasser diente eigentlich zu weiter nichts, als den Gegendruck der Lut im Gleichgewichte zu halten, so wie bei uns das Gewicht, welches man auf die Bälge unserer Orgeln zu legen pflegt. Ctesebius, ein Mechaniker aus Alexandrien, war der Erfinder, oder wie andere sagen, der Verbesserer dieses Instruments, welches wegen der glänzenden Beschreibung, die einige alte Schriftsteller in ihren Schriften beiläufig gemacht haben, den Altertumsforschern viel Nachdenken verursachte, bis endlich der im Jahre 1788 verstorbene Hofrat Meister in Göttingen die von Hero und Vitruv hinterlassenen Beschreibungen von der mechanischen Einrichtung dieses Instrumentes genauer untersucht und gefunden hat, dass die Beschaffenheit desselben den hohen Begriffen, die man sich gemeiniglich davon gemacht hatte, nicht entspricht.

Wasserorgel (Forkel 1788)

Wasserorgel. Abb. aus Allgemeine Geschichte der Musik von Johann Nicolaus Forkel, Leipzig 1799. Diese Abbildung findet sich auch in der genannten Untersuchung De veterum hydraulo von Albrecht Ludwig Friedrich Meister, siehe hier.

Die Resultate dieser Untersuchung findet man in einer Abhandlung unter dem Titel: De veterum Hydraulo, in den novis commentariis Sciet. reg. Scient. Goetting. Tom. II. pag. 159 [Novi Commentarii Societatis Regiae Scientiarum Gottingensis]. Es sind derselben zwei Kupfertafeln beigefügt, von welchen die eine die Form der Wasserorgel und die andere einige einzelne Teile derselben enthält. Auch auf der fünften Kupfertafel in Forkels allg. Geschichte der Musik findet man eine Abbildung dieses Instrumentes, welches für uns nicht wegen eines gewissen Grades von Vollkommenheit, sondern deswegen merkwürdig ist, weil unsere pneumatischen Orgeln sehr wahrscheinlich davon abstammen. [Koch Musikalisches Lexikon 1802, 1735f]

Wasser-Orgel, Hydraulicum (1706)

Von der Wasser-Orgel. Von größerer Achtung aber war die Wasser-Orgel, Hydraulicum genannt, welcher Pfeifwerk auf einem so genannten Secret oder füglichen beschlossenem Windfang stunde - und mit Claviren versehen, ihren Wind empfing von einer Wasser-Presse, und mit großer Macht in den Wind-Fang hinauf trieb.

Hero und Vetruvius haben uns davon die Beschreibung nachgelassen; aber so dunkel, dass wir uns daraus nicht würden gewickelt haben, wo nicht eine gelehrte Feder […] uns bei der Kupferbildung [Abbildung] eine Erklärung und nähern Begriff davon gegeben hätte, welches wir wert geachtet haben, hieher zu bringen: desto mehr, weil dieses Spielwerk in Abgang gekommen - auch ins Buch der Vergessenheit eingeschrieben ist.

Wasserorgel (Salomon van Til, 1706)

Wasserorgel (Salomon van Til, 1706)

Man sieht dann in dieser Abbildung einen Windfang, gehörigermaßen unterstützet, mit viel runden Öffnungen oder Löchern in seinem Ober-Deckel; Orgel-Pfeifen darin zusetzen: unten stehen drei kupferne Gefäße mit den Seiten zusammen gefasst, wovon das Mittelste, welches vor das Wasser-Fass dienen muss, das Größte ist gar eben und glatt ausgemacht, begreifende eines halben Circuls Gestalt, schwer von Gewichte, und umgekehrt liegende, als eine umgekehrte Glocke, welches also innerhalb der Runde des Wasserfasses alleregen schließen muss, dass es gleichwohl auf und nieder kann gerückt werden, ohne dass da einiges Wasser zur Seiten durchsiege. In der Mitte dieses Wasser-Gefäßes sieht man eine Pfeife […]. Die anderen zwei Gefäße sind Luftschöpfer, deren jede durch eine Luft-Pumpe regiert wird; und nachdem eine jede mit einer krummen Röhre versehen, den Wind dadurch ins Wasser-Gefäß unter das Circul oder Klock-Stück hinein treiben: Durch diese eingepumpte Luft wird das Klocken-Stück zugleich auffgehaben [gehoben] und durchs Wasser wieder niedergedrückt, welches eine große Pressung des Windes verursachte, welcher dann mit einem starken Trieb zu dem Windfang eingetrieben Ursach war, dass die Pfeifen ebenmäßig mit Wind angefüllet, einen starken und stimmigen Laut von sich geben konnten.

Vitruvius bezeuget, dass ein gewisser Ctesibius erster Erfinder dieses Kunst-stücks [sic] gewesen: aber Tertullianus nennet es ein Wunder-Stück des Archimedes: vielleicht weil dieser die letzte Hand daran gelegt und große Verbesserung dieser Wasser-Orgel zubracht hat. […]

Die Pfeifen oder Sing-Kehlen wurden hier eben als auf den heutigen Orgeln durch Clavire [Klaviaturen] regieret […].

[Tertullianus:] Schauer an, spricht er, ein würdig Kunststück des Archimedes. Die Wasser-Orgel; und darin so viele Glieder, so viel Stücke, so viel Zusammenfügungen, so viel Krümmen vor die Leitung der Stimmen, so viel kurze Gänge vor das Geläute, so viel Zusammenstimmungen verschiedener Melodien, so viel Reihen der Pfeifen, die alle zu einem Instrumento Musico zusammen kommen. Der Wind welcher von unten die Wasser-Presse gedrenget, wird durch Verteilung ins Blas-Werk geleitet, und ist dem Leibe nach fest stehend, aber in der Arbeit verteilet. [Til Spiel-Kunst 1706, 60ff]

Die Informationen stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
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