Harmonika, Glasharmonika (1840)

Harmonika, Glasharmonika. Ein Instrument, bei welchem Glasglocken zum Erklingen gebracht werden. Es ward von einem Irländer namens Puckeridge erfunden, anfänglich Angelic-organon genannt, und bestand ursprünglich aus mehreren fest nebeneinander stehenden und durch Schleifen oder hineingegossenes Wasser diatonisch gestimmten Gläsern, welche mit dem Finger gestrichen wurden, wodurch denn freilich ihr Klang nur auf die Länge des streichenden Fingers beschränkt war.

Diese wahrscheinlich in der frohen Laune lustiger Zecher zuerst zu suchende Erfindung brachte den berühmten Amerikaner Benjamin Franklin auf die Idee, glockenförmige, auf eine Spindel befestigte und vermittelst eines Schwungrades in Kreislauf gesetzte Gläser durch Berührung mit benetzten Fingern länger anhaltende Töne zu entlocken. Es gelang. Im Jahr 1763 machte er sein wesentlich verbessertes Instrument bekannt und nannte es Harmonika. Diese Harmonika besteht aus einem länglich viereckigen und auf vier Füßen ruhenden Kasten, dessen oberer Teil abgehoben werden kann. Die gläsernen Glocken oder Schalen, die nach dem Verhältnis der Höhe der Töne immer kleiner werden, haben in dem Mittelpunkte ihrer Peripherie ein ausgeschliffenes Loch und sind auf einer eisernen Welle oder Spindel dergestalt ineinander geschoben und mit Kork befestigt, dass sie einander nicht berühren, sondern immer der Rand der folgenden kleineren unter dem Rande der vorhergehenden größeren ein wenig hervorragt, so dass alle auf der Spindel befestigte Glocken eine kegelförmige Gestalt gewinnen - weswegen diese Vorkehrung auch der Glockenkegel genannt wird. Die halbe Töne angebenden Glocken haben zur Unterscheidung einen Goldrand. […]

Nachdem die Glocken in Bewegung gesetzt sind, legt der Spieler die Finger stärker oder schwächer, je nachdem er den Ton haben will, an die Glocken, und der über alles angenehme, mit keinem anderen vergleichbare Tone erfolgt und kann vom stärksten Forte bis zum gänzlich verhallenden Piano modifizert werden.

Die Behandlungsart dieses Instruments hat sehr viele Schwierigkeiten, die nur durch lange Übung beseitigt werden können. Auch eignet es sich nur für Stücke von langsamer Bewegung und ernstem Charakter, vorzüglich zum Vortrage von Chorälen. Die Fränklinsche Harmonika hatte anfangs nur zwei Oktaven, nämlich vom kleinen c bis zum zweigestrichenen g; Schmittbauer erweiterte später ihren Umfang auf drei Oktaven und eine Quarte, nämlich vom kleinen c bis zum dreigestrichenen f. Die linke Hand des Spielers greift den Bass, die rechte den Diskant.

Da indessen das Spielen der Harmonika zuweilen auf die Reizbarkeit mancher nervenschwachen Damen unangenehm einwirkte, ja sogar Ohnmachten zur Folge hatte, so geriet der Abbate Mazucchi auf den Gedanken, die Töne den Glocken auf andere Art zu entlocken, wodurch sie vielleicht weniger nervenangreifend sein möchten - und zwar mittelst eines Violinbogens, dessen Haare mit einer Mischung Kolophonium und Terpentin oder Wachs, oder mit Seife bestrichen wurden. Der hierdurch gewonnene Ton war sanft und schönklingend […].

Doch auch diese

  1. Bogenharmonika ward bald von einer neueren und bequemeren Erfindung überboten, nämlich
  2. Tastenharmonika von Prof. Klein

    Tastenharmonika von Prof. Klein. Abb. aus [AMZ 1799].

    der mit einer Klaviatur versehenen Tastenharmonika, erfunden 1785 von dem Mechanikus Hessel zu Petersburg und später von einem Tonkünstler in Berlin mit Namen J. L. Röllig verbessert. Auch der Organist und Orgelbauer D. T. Nicolai zu Görlitz machte eine Klaviatur zu diesem Instrument. Ferner erfand der Prof. Klein (1798) in Pressburg eine Tastenharmonika, in welcher die Glocken sich durch eine Drehscheibe in ungleicher Schnelle bewegen, so dass, während die Bassglocken sich einmal umdrehen, die mittleren zweimal, die hohen aber dreimal ihren Kris durchlaufen. […]

    So vorteilhaft diese Vereinigung einer Klaviatur mit der eigentlichen Franklinschen Harmonika indessen sowohl für Spieler von einem reizbaren Nervensystem als auch überhaupt für die Behandlung des Instruments auch sein mag, so ist es dennoch eine ausgemachte Sache, dass der Ton mit seinen verschiedenen Nuancen vermittelst der Finger weit feiner aus den Glocken gezogen werden kann als durch den Angriff der bisher bei dem Gebrauch der Klaviatur damit versuchten Körper, indem die natürliche Wärme der Finger höchst wahrscheinlich darauf einen sehr merklichen Einfluss hat.

    Außer diesen beiden Arten der Glasharmonika hat man

  3. noch eine Glaslattenharmonika, erfunden (1790) von Chr. Fried. Quandt zu Jena. [&hellip]
  4. Ferner eine Nagelharmonika,
  5. eine Stahlharmonika,
  6. eine Mundharmonika […] und endlich
  7. eine sogenannte chemische Harmonika, auf welche de Lüc zufällig geleitet wurde […].

[Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 198f]

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