Ansatz (1882)

Ansatz,

  1. bei Blasinstrumenten, deren Mundstücke nicht in den Mund genommen werden, die Stellung der Lippen beim Anblasen. Der Ansatz ist bei der Flöte ein ganz andrer als bei den Blechblasinstrumenten, wo die Lippenränder zugleich die Stelle von Zungen vertreten und daher der Ansatz ein sehr verschiedenartiger sein muss, je nachdem hohe oder tiefe Töne hervorgebracht werden sollen. Der Bläser sagt, er habe keinen Ansatz, wenn er nicht völlig Herr seiner Lippen, d. h. aufgeregt, matt etc. ist.
  2. Beim Gesang die Art und Weise, wie der eine Phrase beginnende Ton hervorgebracht wird, wobei man unterscheidet:
    a) den Ansatz mit Glottisschluss, bei dem die Öffnung der Glottis (Stimmritze) einen eigentümlichen Gutturallaut (Knack), das hebräische Aleph, dem Ton vorausschickt, und
    b) den hauchartigen Ansatz, bei dem die Glottis leicht geöffnet ist und dem Ton ein schwacher Hauch (spiritus lenis) vorausgeht. Man nennt auch wohl die Stellung der gesamten bei der Tonbildung und Resonanz beteiligten Kehlkopf-, Gaumen- und Mundteile Ansatz und spricht von einem "gaumigen Ansatz" etc.

    So viele gelehrte Werke auch schon über Stimmbildung geschrieben sind, so fehlt es doch leider noch immer zweifellosen wissenschaftlichen Resultaten und für die Praxis nutzbaren Anhalten; der beste Gesanglehrer ist noch immer der beste Sänger, d. h. der, der alles vormacht. Die Werke eines Helmhotz ("Lehre von den Tonempfindungen", 1862), Merkel ("Anthropophonik", 1856) u. a. handeln in der ausführlichsten Weise von den Funktionen der Stimmbänder, von der Zusammensetzung der Vokale aus Obertönen etc., übersehen aber fast gänzlich, dass die Gestalt des Ansatzrohrs, d. h. des den Ton der Stimmbänder verstärkenden Hohlraums vom Kehlkopf bis zu den Lippen, auch für denselben Vokal (z. B. für das reine A) sehr verschieden sein kann, je nachdem die weichen Teile des Gaumens etc. sich stellen. Der Sänger weiß, dass er sein A vorn an den Zähnen singen kann, aber auch ganz hinten am Gaumen, dass ersteres einen "flachen", letzteres einen "gequetschten" Ton gibt (den eigentlichen Gaumenton) und dass die besten Töne die sind, welche er mitten im Mund fühlt, dass es seine großen Schwierigkeiten hat, einem U, einem hellen E etc. diese Art der Resonanz zu geben, und dass zu Gunsten der Rundung und Fülle des Tons häufig dem Vokal etwas von seiner strengen Charakteristik abgezogen werden muss (U wird nach O hin, E nach Ö, I nach Ü hin gefärbt). Das sind Fingerzeige, die der Sänger sofort begreift, und die ihm mehr nützen als alle Hypothesen über die Tätigkeit der Stimmbänder. Die menschliche Stimme ist eine Zungenpfeife; die Orgelbauer aber wissen, dass die Klangfarbe, Klangfülle etc. weit weniger von der Gestalt der Zunge und der Windstärke als von der Form des Aufsatzes abhängen.

[Riemann Musik-Lexikon 1882, 31f]