Musiklexikon: Was bedeutet Tractus?

Tractus (1929)

Tractus (Cantus tractus) heißt im gregorianischen Gesang ein Psalm, der ohne Unterbrechung durch ein Responsorium oder eine Antiphon in einem Zuge von einem Sänger gesungen wird (vgl. P. Suitbert Bäumer, Geschichte des Breviers, 1895, S. 123). Der in Bußmessen, bei denen das Hallelujasingen wegfällt, gebräuchliche Tractus ist also durchaus nicht ein in die Breite gezogener "geschleppter" Gesang.

Von dem Cantus directaneus (Cantus in directum) unterscheidet sich der Tractus darin, dass ersterer vom ganzen Chor zu singen, daher durchweg einfacher gehalten ist, wenn auch keineswegs nur rezitierend. Die Tractus-Gesänge zeigen große Verwandtschaft der Anlage mit den Hirmen der byzantinischen Kirche (tractus ist dem Wortsinne nach Übersetzung des griechischen ειρμός). Vgl. H. Riemann, Der strophische Bau der Traktus-Melodien (Sammelb. der IMG. IX, 2, 1908). Vgl. Hirmus und Kanon. [Einstein/Riemann Musiklexikon 1929, ]

Tractus (1882)

Tractus, im römischen Kirchengesange ein Gesang, der während der Fastenzeit, vom Sonntag Septuagesimae bis Ostern, an Stelle des auf das Graduale sonst folgende "Alleluja" gesungen wurde und weit gemessener ausgeführt wird, als dieses, daher der Name (von tractim). Der Text des Tractus ist den Psalmen entnommen, entweder ein ganzer Psalm oder auch nur ein Vers. [Reissmann Handlexikon 1882, 568f]