Orgelpunkt (1882)

Orgelpunkt (lateinisch: Punctus organicus, französisch: Point d'Orgue, italienisch: Cadenza). Schon bei Franco von Cöln [sic] in seinem oft angeführten Traktat: "Musica et cantus mensurabilis" findet sich die Bezeichnung Punctus organicus für die letzte, länger gehaltene Note, bei welcher ein bestimmtes Maß, wie bei den vorhergehenden, nicht mehr nötig wird, weil sie ein Ruhepunkt ist. Zu Tinctoris' Zeit wurde sie schon mit einem Halt [Zeichen für die Fermate] versehen, wie aus seiner Erklärung im "Diffinitorium" hervorgeht. Die wachsende Lust am Diskantisireen und Organisieren wagte sich dann auch an diesen Ruhepunkt. Nur die eine Stimme hielt ihn fest und die anderen kontrapunktierten und diskantisierten ruhig weiter.

In den kontrapunktierenden Stimmen ist meist ein so reiches Leben entwickelt, dass es ästhetisch gerechtfertigt ist, dies allmählich zur Ruhe zu führen, während die den Cantus firmus führende Stimme den Schlusston desselben durch mehrere Takte hindurch unverändert festhält. Die Dauer desselben wurde daher auch selten angegeben. Die Sänger hielten ihn so lange, bis alle Stimmen zum Schluss gekommen waren. Als dann die Bezeichnung Organum als ausschließlicher Name auf das betreffende Instrument - Orgel genannt - überging, wurde in naturgemäßer Folge auch der Punctus organicus zum Orgelpunkt, obgleich er ebenso bei der Vokalmusik und bei den übrigen Instrumenten wie bei der Orgel seitdem häufig zur Anwendung kommt und als ein bedeutendes Mittel zur Formvollendung instrumental wie vokal reichste Ausbildung erhalten hat. Der Orgelpunkt wird auch heute noch [um 1880] zunächst ganz in alter Weise angewendet, um den Schluss eines Tonstückes energisch auszuprägen. [Reissmann Handlexikon 1882, 348f]