Psalm (1865)

Psalm, Psalmus, Salmo; Psalmodie, Psalmodia. Die dem König David zugeschriebenen Dichtungen im alten Testament, welche auch die christliche Kirche schon in den allerfrühesten Zeiten unter die liturgischen Gesänge ihres Gottesdienstes aufnahm, und das Volk bei allen Gelegenheiten, sowohl bei der häuslichen Andacht als bei der Mahlzeit und Arbeit zu singen unermüdlich gewesen ist.

Die Art, die Psalmen vorzutragen, heißt Psalmodieren, Psalmodie. Sie hält die Mitte zwischen Rede und Gesang, jede Psalmmelodie ist aber in eine bestimmte Tonart, für die sie bezeichnet ist, geordnet, wenngleich sie im wesentlichen auf einem und demselben Ton verharrt und nur mit kurzen melodischen Bewegungen untermischt ist. In ihrer rhythmischen Gliederung schließt sie dem Versbau der Dichtung sich an, indem sie die Abschnitte, in welche die Psalmenverse zerfallen und deren gewöhnlich zwei von ziemlich ähnlicher Länge zu sein pflegen, durch eine melodische Biegung auf- und abwärts markiert, während die Stimme zu Anfang eines jeden solchen Abschnittes wesentlich denselben Ton hält:

Psalm (Dommer 1865)

Psalm, Notenbeispiel


Dem Psalm ging eine Antiphon voraus oder war auch mit ihm verflochten (siehe Antiphona) und stand mit ihm in demselben Tone. Den Schluss machte die angehängte kleine Doxologie Gloria patri …, auf deren Schlussformel Seculorum amen (oder deren Vokale Euouae) die Stimme dann mehr zum wirklichen Gesang sich erhob, auch ein Neuma ausführte. Über die melodischen Formeln der Tropen mit ihren Differenzen ist unter Tropus gesprochen.

Man trug die Psalmen auf vielerlei Arten vor. Entweder wurden sie nur von einer Stimme allein gesungen oder von der ganzen Gemeinde im Chor; oder von der in zwei Chöre geteilten ganzen Versammlung antiphonenartig abwechselnd; oder endlich von einer Stimme, wozu der ganze Chor am Schluss einfiel.

Für besondere Andachtsübungen (zum Beispiel in der Matutin und Vesper) wie auch beim Abendmahle, bei Begräbnissen, ebenso für gewisse Feiertage, dienten bestimmte Psalmen. Auch werden die kleineren und größeren Cantica (siehe dort) zum Psalmengesang gerechnet. Das Magnificat und Benedictus wie auch der Psalm Venite Exultemus Domino hatten über alle acht Kirchentöne verschiedene Melodien.  Der Psalm in exitu Israel hingegen hatte seinen eigenen Ton, der sonst nicht gebraucht wurde, Tonus peregrinus genannt, wahrscheinlich weil er dem eigentlichen Tonartensystem nicht einverleibt war, als Fremdling zu ihm stand.

In der protestantischen Kirche hat sich die Psalmodie noch bis auf heutigen Tag [1865] im Kollektengesang des Priesters am Altar erhalten. Auch in der Kunstmusik hat sie Verwendung gefunden, vorzugsweise als Rezitativ in den älteren Passionen (zuweilen auch vierstimmig gesetzt in den Volkschören) und selbst Heinrich Schütz hat sich ihrer in seinem letzten großen Werk, den Passionen nach den vier Evangelisten, noch bedient, unerachtet er selbst (in den Sieben Worten) vordem das ariose Rezitativ bereits auf eine hohe Stufe der Entwicklung gebracht hat.

Über den Ausdruck Psalmodieren mit dem Falsobordone siehe Falso bordone[Dommer Musikalisches Lexicon 1865, 704f]