Klang (1807)

Klang. Alles was unser Ohr empfindet, ist Wirkung eines von einem Körper erregten und auf eine gewisse Art sich [sic] schwingenden Luftstromes, der unsere Gehörnerven trifft und ihnen die Art seiner Schwingungen mitteilt. Sind diese Schwingungen der Luftteile so beschaffen, dass unser Gefühl nichts gleichartiges in der Fortdauer derselben wahrnimmt, wie z. B. bei dem Fahren eines Wagens, so nennen wir die Wirkung, die sie auf unser Ohr machen, Geräusch. Ist der Körper, durch welchen die Luftteile in Schwingungen oder Oszillationen gesetzt werden, nicht elastisch, so kann er nicht erzittern oder einige Zeit lang Schwingungen machen und also der Luft auch keine Fortsetzung gleichartiger Schwingungen mitteilen. Von dieser Beschaffenheit ist z. B. der Schlag auf ein Stück Blei. Die Wirkung, die solche nicht gleichartig fortgesetzten Schwingungen der Luftteile auf unser Ohr machen, nennt man Schall. Werden aber die Luftteile durch einen elastischen Körper in Schwingungen gesetzt, so hat ein solcher Körper vermöge seiner Elastizität die Eigenschaft, dass er nach einem erlittenen Druck oder Schlage eine Zeit lang gleichartig erzittert - oder Schwingungen macht, die in gleichen Zeiträumen aufeinander folgen. Dieses lässt sich an einer aufgespannten und mit dem Finger gerissenen [gezupften] Saite sehr deutlich wahrnehmen. Durch diese gleichartigen Schwingungen des Körpers werden die Luftteile ebenfalls zu einer Fortsetzung gleichartiger Schwingungen veranlasst. Weil aber die einzelnen Schwingungen der Luftteile so geschwind aufeinander folgen, dass wir keinen Zwischenraum der Zeit dabei wahrnehmen, so entsteht in uns das Gefühl eines einige Zeit lang gleichartig fortgesetzten Schalls, welches wir Klang nennen.

Betrachtet man zwei klingende Saiten von gleicher Stärke und Spannung, deren eine aber merklich kürzer ist als die andere, so sieht man, dass die Schwingungen der kürzeren in kleineren Zeiträumen aufeinander folgen als die Schwingungen der längeren. Diese Verschiedenheit der gleichartigen Schwingungen, in Ansehung der Geschwindigkeit ihrer Folge, erregt bei dem Gefühle des Klanges eine sehr bestimmte Modifikation desselben, so, dass wir den langsameren Grad der Schwingungen von dem geschwinderen sehr deutlich unterscheiden können. Wir sind gewohnt, das Gefühl des langsameren Grades der Schwingungen mit dem Wort tief, das Gefühl eines damit verglichenen geschwinderen Grades derselben aber mit dem Worte hoch zu bezeichnen.

Werden nun höhere und tiefere Klänge in ein bestimmtes Verhältnis ihrer Höhe und Tiefe gebracht, so nennt man sie Töne.

Weil die Höhe und Tiefe des Tones von dem Grade der Geschwindigkeit und dieser Grad der Geschwindigkeit der Schwingungen von der Länge der Saite (oder überhaupt von der Größe des sonoren Körpers) abhängt, so müssen notwendig Größe des sonoren Körpers, Geschwindigkeit der Schwingungen, die er veranlasst, und Höhe oder Tiefe des Tons, welcher dadurch erzeugt wird, in Proportion stehen. Diese Wahrheit ist das Prinzip derjenigen Wissenschaft, die man Canonik [sic] nennt.

Der Klang hat überdies noch folgende Eigenschaften:

  1. breitet er sich von dem Orte, wo er entsteht, nach allen Richtungen aus;
  2. dringt er durch feste Körper;
  3. hat er die Eigenschaft, dass er von entfernten Körpern in gerader Richtung zurückgeworfen werden kann, siehe Echo;
  4. kann er für sich betrachtet, rein, unrein, rau, sanft, stark, schwach usw. sein. Die Unreinheit des Klanges entsteht aus der Beimischung ungleichartiger Schwingungen. Wenn z. B. bei einer Darmsaite die verschiedenen Fäden, aus welchen sie besteht, nicht egal zusammengedreht sind, so dass der eine lockerer als der andere angespannt ist, so entstehen Nebenschwingungen, die notwendig eine Beimischung eines Nebenklanges mit dem Hauptklange verursachen müssen.
    Das sanfte oder rauhe des Klanges hängt teils von der Materie, teils von der Form des Körpers ab, von welchem er hervorgebracht wird. Die Stärke oder Schwäche desselben ist Wirkung der größeren oder geringeren Menge der in Schwingung gesetzten Luftteile.
  5. hat der Klang die Eigenschaft, dass er zugleich mehrere von ihm verschiedene Töne mit sich hören lässt. Mann nennt diese Eigenschaft desselben, von der man sich am besten durch das Spiel der Aeolsharfe überzeugen kann, die Sympathie der Töne.
  6. Diejenigen, die sich bemüht haben, die Ursachen dieses Mitklingens mehrerer Töne in einem einzigen Klang zu entdecken, haben gefunden, dass eine aufgespannte Saite sich nicht allein ihrer ganzen Länge nach schwingt und das Gefühl ihres Klanges erregt, sondern dass auch zugleich die Hälfte, der dritte, vierte und die folgenden Teile einer solchen Saite, jeder für sich, noch besondere Schwingungen macht, wodurch das Mitklingen anderer Töne bewirkt wird. Diejenigen Punkte, bei welchen sich die schwingende Saite in solche kleinere Teile teilt, werden Schwingungsknoten genannt.
  7. ist der Klang so beschaffen, dass die Schwingungen, die ihn erregen, im Stande sind, leichte Körper in gewisse Richtungen zu werfen, welche den Verhältnissen der Töne angemessen sind. Wenn man z. B. einen ungefähr 8 Zoll langen und 1 Zoll breiten Striemen von einer Glastafel an gewissen bestimmten Oertern [sic] mit dr Spitze des Daumens und des Mittelfingers der linken Hand festhält, und die Kante dieses Glasstriemens mit einem Violinbogen anstreicht, so kann man demselben z. B. nicht allein die Quinte, Quarte und Terz seines Haupttones entlocken, sondern die verschiedenen Schwingungen, welche das Glas bei diesen verschiedenen Tönen macht, werfen zugleich einen auf dasselbe ganz dünne gestreuten feinen Streusand in Linien, die den Verhältnissen dieser Töne entsprechen; denn sobald einer dieser Töne erklingt, springen alle Sandkörner auf dem Glasstriemen nicht allein in eine Longitudinallinie, sondern es formieren sich auch zugleich ebenso viel Transversallinien, als nötig sind, um dieses oder jenes Intervall hervorzubringen. Hieraus hat man die Folge gezogen, dass es sowohl Longitudinal- als Transversalschwingungen geben müsse.
    Zu diesen Eigenschaften des Klanges gehört endlich noch,
  8. dass zwei Klänge von einem bestimmten Verhältnisse, das heißt, dass zwei Töne durch ihr Erklingen einen tieferen dritten Klang (sono terzo) in der Luft erzeugen können. Wenn man z. B. die Töne g und c' auf der Violine, und zwar in einem Zimmer oder Saale, in welchem der Wiederschall nicht durch Tapeten oder andere Wandverzierungen gehemmt wird, völlig rein intoniert, so erzeugt sich der Ton des großen C von selbst in der Luft. Es gehören aber mehrmals wiederholte Versuche dazu, ehe man einen Ort findet, wo dieses Experiment zu unserer völligen Befriedigung glückt.

[Koch Handwörterbuch Musik 1807, 199ff]

Die Informationen in unserem Online-Lexikon stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
Werbung