Thema (1865)

Thema, Hauptsatz, der einem ausgeführteren Tonwerke zu Grunde liegende Tongedanke, welcher den Grundstoff für die Entwickelung entweder des ganzen Satzes oder eines Teiles desselben enthält. Es kommt auf die Beschaffenheit der Form an, ob nur ein Thema oder mehrere Themen in demselben herrschen sollen. Ist der Tonsatz über mehrere Themen gearbeitet, so heißt dasjenige, welches zuerst auftritt und seinem Stimmungsgehalt und Tongang nach die Entwickelung eigentlich bedingt, das Hauptthema oder der Hauptsatz; die übrigen Themen, welche (wenn auch als Kontraste oder Modifikationen der Stimmung und Tonbewegung) den Hauptsatz ergänzen, heißen Nebenthemen oder Nebensätze. Die einfache Fuge hat nur ein Thema, die Doppel-, Tripel- etc. Fuge hingegen deren zwei, drei etc., welche aber, wenngleich sie auch abweichende und kontrastierende Bildung zeigen, doch nur Teile eines Hauptgedankens sind. In der Sonatenform gelangt neben dem Ersten Thema auch das Zweite zu erheblicher Geltung, außerdem haben die Schluss- und Übergangsgruppe auch noch ihre eigenen thematischen Motive, welche sämtlich jedoch zum Hauptthema in Beziehung stehen, nicht die Aufgabe haben, ihm zu widersprechen, es abzuschwächen oder aufzuheben, sondern gerade im Gegenteil, es zu vervollständigen und zu verstärken, indem sie die Stimmung und entsprechende Tonbewegung, welche das Hauptthema angeschlagen hat, durch ihre Modifikationen und Kontraste erhellen und in einem andern Lichte zeigen. Somit ist durch das Hauptthema die ganze Haltung und Bewegung des betreffenden Satzes gewissermaßen im Voraus bestimmt, wenigstens insofern, als innerhalb des letzteren nichts enthalten sein wird, was jenem widerspricht, wenngleich ja die Ausgestaltung jedes Hauptthemas eine unendlich mannigfaltige sein und die Entwicklung Wendungen nehmen kann, welche man aus dem Thema schlechterdings nicht ahnen wird.

"Aber" (sagt der Artikel Hauptsatz im Handwörterbuch der schönen Künste) "wie bei einer Rede der Hauptgedanke oder das Thema den wesentlichen Inhalt derselben angibt und den Stoff zur Entwickelung von Haupt- und Nebenideen enthalten muss, ebenso verhält sich's in der Musik hinsichts der durch den Hauptsatz möglichen Modifikationen einer Empfindung, und so wie ein Redner von seinem Hauptsatze in Nebensätze, Gegensätze, Zergliederungen etc. übergeht, wie er rhetorischer Figuren sich bedient, welche alle die Bekräftigung seines Hauptsatzes bezwecken, ebenso wird der Tonsetzer in Behandlung seines Thema verfahren und es in Absicht auf Harmonie, Modulation, Begleitung, Wiederholung etc. so bearbeiten und in solche Verbindungen bringen, dass es immer mehr Neuheit und Zuwachs an Interesse erhält, ohne dass die Episoden und Nebensätze die Hauptempfindung stören und der Einheit des Ganzen etwas schaden. Nicht so leicht und geschwind wird derjenige Tonsetzer sich erschöpfen, der vermöge seines thematischen Geschickes alle möglichen mit einem Hauptsatze vorzunehmenden Veränderungen einsieht, als der, welcher schon mit Erfindung eines schönen Hauptsatzes zufrieden ist und die Anknüpfung analoger Sätze mehr dem Zufalle seiner Einbildung überlässt, als dass er sie einem überdachten Plane unterzuordnen suchte. Jener wird bestimmter und einheitlicher zeichnen und darstellen, er kann eine gehörige Ökonomie der Gedanken beobachten, kann jedes seiner Werke durch Einheit der Entwickelung und Eigentümlichkeit auszeichnen, da hingegen bei diesem unwillkürliche Wiederholungen, fremde störende Züge und überhaupt baldige Erschöpfung unausbleiblich sein müssen".

Die Ausgestaltung eines Tongedankens nennt man die thematische Arbeit, wovon der folgende Artikel handelt. Die rhythmische Gliederung und sonstige Konstruktion der Themen findet man unter Sonate, Fuge, Periode etc. näher beschrieben. [Dommer Musikalisches Lexicon 1865, 848f]