Notenlesen (1807)

Notenlesen. Bei der Ausführung einer Stimme, die nicht auswendig gelernt oder aus dem Gedächtnisse vorgetragen wird, müssen unmittelbar vor der Intonation der Töne drei Beschäftigungsarten des Geistes vorhergehen, deren man sich bei der erlangten Fertigkeit, vom Blatte zu spielen, nicht mehr deutlich bewusst ist, weil sie der Geist nach und nach in einer ausnehmenden Geschwindigkeit zu verrichten gelernt hat. Man muss nämlich

  1. mehrere Noten in Ansehung ihrer abwechselnden Höhe und Tiefe auf einen Blick auf das bestimmteste fassen,
  2. solche in Ansehung ihrer verhältnismäßigen Dauer gegeneinander vergleichen und einteilen, und
  3. diese verhältnismäßige Dauer derselben der angenommenen Taktbewegung auf das genaueste anpassen.

Die Fertigkeit, alles dieses mit der vollkommensten Sicherheit und in der zum Vortrage nötigen Geschwindigkeit zu verrichten, bezeichnet man mit dem Ausdrucke Notenlesen.

Kommt nun zu der Fertigkeit, die Noten auf die soeben beschriebene Art vermittelst der Vorstellungskraft zu fassen, noch die Fertigkeit, sie vermittelst der Stimme oder eines Instrumentes deutlich und rein und in der nötigen Geschwindigkeit zu intonieren, so entsteht derjenige Prozess, den man das Treffen nennt.

Im Notenlesen und Treffen muss vorzüglich der Ripienspieler einen hohen Grad der Fertigkeit zu erlangen suchen, weil er alles, was er vorzutragen hat, ohne vorhergegangene Privatübung oder ohne seine Stimmen besonders üben zu können, vortragen muss. [Koch Handwörterbuch Musik 1807, 247]

Die Informationen in unserem Online-Lexikon stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
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