Kapelle, Capella, Chapelle (1840)

Kapelle, Capella (ital.), Chapelle (franz.). Der heilige Martin, der Mildtätige der Krieger, ein Muster militärischer Demut und christlicher Tapferkeit, ist uns besonders durch das historische Faktum bekannt, dass ihn, als er sich bei seiner gegen seinen Willen geschehenen Wahl zum Bischof von Tours versteckte, einige junge zungenfertige Gänse durch ihr Geschnatter verrieten, ein Verbrechen, zu dessen bildlichen Sühne noch jetzt überall das Gänsegeschlecht verfolgt, gemartert, genudelt, ja sogar am Namenstage des heiligen Mannes geschlachtet und verzehrt wird, unseren heutigen jungen Gänschen ein warnendes Beispiel. Der fromme Bischof starb um das Jahr 400; der Helm aber, den er früher als Krieger getragen (la cape de St. Martin de Tours - [Fußnote:] nach anderen die Mantelkappe, auch Chape, Chorrock), kam in den Besitz der fränkischen Könige, die denselben als eine Reliquie verehrten und in einem besonderen Raum aufbewahrten, welcher Capella genannt wurde. Nie zogen sie oder ihre Heerführer in den Krieg, ohne, wie es noch jetzt der Großsultan mit der Muhammeds-Fahne (früher ein Vorhang an der Kammer der Aischah, dritten Gemahlin des Propheten), jene Reliquie mit sich zu führen. Das Zelt, in welchem sie bewahrt wurde, war zugleich dem Lesen der Feldmessen sowie der Verrichtung anderer Andachtsübungen gewidmet und hieß ebenfalls Capella; die zur Bedienung der Reliquien bestimmten Leute erhielten den Namen Capellani.

Später ging jener Ausdruck auch auf andere gottesdienstliche Gebäude, namentlich auf die Hauskirchen der Fürsten und Magnaten über, und endlich der Name des Ortes auch auf die Gesamtheit der zum Gottesdienst bestimmten Musiker, weil diese gewöhnlich in einer an die Kirche angebauten Kapelle standen; so dass jetzt, in weiterer Bedeutung, jeder Verein von Tonkünstlern, welche ein Fürst oder Herr in Diensten hat, Kapelle und jedes einzelne Mitglied Kapellist genannt wird.

Eine Kapelle besteht gewöhnlich aus dreißig bis vierzig Personen und aus siebzig bis achtzig mit Einschluss des Singchors. Sie muss gut eingespielt sein, worunter nicht allein das richtige Zusammenspielen aller Mitglieder in Ansehung des Taktes, sondern hauptsächlich ein guter und völlig gleichartiger Vortrag verstanden wird. Vergleiche Orchester. [Gathy Encyklopädie Musik-Wissenschaft 1840, 247f]

Die Informationen in unserem Online-Lexikon stammen aus historischen Musiklexika des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein empfehlenswertes modernes Musiklexikon für den Hausgebrauch ist das 5-bändige "Brockhaus Riemann Musiklexikon".
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